Hommage an die Kawasaki W800

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Historische Wurzeln der W800

Ja, eigentlich hat die W800 (noch) nichts auf einem Oldtimer-Portal zu suchen. Aber Kawasakis erfolgreiche W-Reihe blickt bereits auf eine 50-jährige Geschichte zurück und läuft nun Ende 2016 aus. Das Aus für die Kawasaki W800 kommt, da das Motorrad die gestiegenen Anforderungen an die Euro4-Abgasnorm nicht mehr erfüllt und somit aus den Verkaufsräumen in Europa verschwindet. Mit der in Dunkelbraun-Metallic/Orange gehaltenen „Final Edition“ verabschiedet sich die „W“ von ihren Fans. Und die 80 Exemplare, die zu uns kamen, sind längst ausverkauft. Vor dem Hintergrund des Produktionsendes der beliebten Schönheit schauen wir uns noch einmal die Geschichte des Retro-Klassikers an.

Das erste W-Modell von Kawasaki, die W1 650, feierte 1966 ihr Debüt. Sie war das hubraumstärkste japanische Motorrad ihrer Zeit bis Honda wenig später mit der CB 750 Four neue Maßstäbe in Sachen Hubraum und Leistung setzte. Für Kawasaki markierte die 650 W1 jedoch den ersten Schritt zu einem Hersteller von großvolumigen Motorrädern.

Kawasaki W2SS Spezial
Kawasaki W2SS Spezial von 1968 mit 53 PS (Quelle: Nippon-Classic.de)

Kawasakis erstes W-Modell war das Ergebnis aus der Kooperation und späteren Verschmelzung von Kawasaki und Meguro. Motorradhersteller Meguro hatte bereits eine Halbliter-Maschine im Programm. Allerdings orientierte sich die auf 650 ccm aufgebohrte W1 technisch zu stark an der BSA A7 und verkaufte sich außerhalb Japans nur schleppend. Enttäuscht stellte Kawasaki nach acht Jahren die Produktion der W1 650 wieder ein.

W-Revival mit der Kawasaki W650

Es sollte 25 Jahre dauern bis sich der japanische Motorradhersteller seiner Wurzeln besann und mit der Kawasaki W650 einen echten Parallel-Twin mit 360° Hubzapfenversatz brachte, der die Motorradwelt 1999 erstaunte. Zwar hatte die neu entwickelte W650 nichts mehr mit dem einstigen W-Modell gemeinsam, aber sie vereinte die Ideale vergangener Motorrad-Epochen konsequent mit einem kernigen Motor und zeitlosem Design. Kein Wunder, dass sie die Herzen vieler Motorradfahrer im Sturm eroberte.

Ihr Anblick erinnerte an echte Klassiker der Sechziger und frühen Siebziger. Der klassisch anmutende Königswellen-Twin mit moderner Vierventiltechnik steckt in einem althergebrachten Fahrwerk mit Doppelschleifenrahmen, Duo-Federbeinen und Speichenrädern. Weitere Vintage-Zutaten für den perfekten Retro-Look waren verchromte Schutzbleche, Speichenräder und ein Old-Style-Tank.

Kawasaki W650
Kawasaki W650 von 2004 (Quelle: Kawasaki)

Leider war 2006, nach mehrfacher Modellpflege, abermals Schluss und Kawasaki präsentierte das Nachfolgemodell, die W800, erst nach fünfjähriger Pause. Heute ist die W650 eine beliebte Tuning-Basis für die Custom-Szene, die aus der Retro-Kawa einzigartige Umbauten zaubern. Viele faszinierende Umbauten gibt es hier zu bestaunen.

Die Kawasaki W800 kam 2011 mit neuer Technik

Mit technischen Neuerungen und einem auf 77 Millimeter aufgebohrten Parallel-Twin präsentierte Kawasaki die W800 im Jahr 2011 als Nachfolgerin der kultigen 650er. Wichtigster technischer Unterschied zur W650 dürfte jedoch die Kraftstoffeinspritzung gewesen sein. Und Kawasaki tat sehr gut daran die Optik mit den klassischen Proportionen nahezu unverändert zu belassen.

Kawasaki W800
Wiedereinstieg 2011 mit der W800 in Metallic Dark Green (Quelle: Kawasaki)

Der  bevorzugte Einsatz von Stahl- und Metallteilen zeugen von der Solidität der Kawasaki W800 und machen die „W“ – wie sie liebevoll von ihren Fans genannt wird – zu einem würdigen Nachfolger der W1 von 1966. Der dumpfe Klang des Paralleltwins, der jede Menge Drehmoment auf die Kurbelwelle wuchtet, das charakteristische Handling des verwindungssteifen Rahmens mit den großen Rädern und der satte Klang aus beiden Auspuffrohren zeichnet Motorräder einer vergangenen Epoche nach.

Das W800 Herz– der charaktervolle Parallel-Twin-Motor mit Königswelle

Bei der Konstruktion des luftgekühlten Parallel-Twins schuf Kawasaki einen wirklich „schönen“ Motor. Das Triebwerk im klassischen Stil ist leicht und übersichtlich aufgebaut. Die über eine aufwendige Königswelle angetriebene Nockenwelle ist die sprichwörtliche Krönung des Vierventil-Zylinderkopfs und trägt zum klassischen Auftritt der W800 bei. Die verchromten oder polierten und klarlackbeschichteten Anbauteile verleihen dem Paralleltwin einen üppigen Glanz und machen ihn zu einer Augenweide und zum zentralen Designelement der W800. Der gelochte Deckel des Kettenritzels – ein weiteres Stilmittel – senkt die Geräuschentwicklung und fügt sich harmonisch in das Erscheinungsbild des Motors ein.

Kawasaki W800 Motor
Kraftstoffeinspritzung mit zweimal 34 mm Durchlass und Sekundär-drosselklappen (Quelle: Kawasaki)

Mit 773 ccm Hubraum ist der Kawasaki-Motor sehr langhubig und auf einen starken Durchzug bei niedrigen bis mittleren Drehzahlen ausgelegt, den man auch in allen Lebenslagen spürt. Wer einmal eine „W“ gefahren ist, hat sich auf Anhieb in den Motor verliebt. Schaltfaules Cruisen in der City oder auf der Landstraße? Kein Problem! Den Gasgriff aufdrehen und die Maschine fordern? Warum nicht! Die Kawasaki W800 reagiert dank Benzineinspritzung direkt auf die Bewegungen der Gashand und quittiert das mit beherztem Durchzug aus dem Drehzahlkeller. Das schwere Schwungrad unterstreicht die kraftvolle Drehmomententwicklung.

Die über Königswelle angetriebene Nockenwelle und der SOHC-Vierventil-Zylinderkopf verhelfen der W800 zu satter Leistung über ein breites Drehzahlband. Die 2 PS, die die 800er gegenüber der W650 eingebüßt hat, vermisst man nicht. Die leichten Kolben wiegen das Gleiche wie bei der W650 – trotz 5 mm größerer Bohrung. Während Steuerzeiten und Ventilhub gegenüber der W650 unverändert blieben, tragen spezielle Nockenprofile (schnelles Öffnen, langsames Schließen) zu einer höheren Gesamtleistung bei. Lange und schlanke Einlasskanäle sorgen für mehr Leistung im unteren und mittleren Drehzahlbereich.

Kawasaki W800 Motor
Die Königswelle mit den hypoidverzahnten Kegelrädern ist der „heilige Gral“ der W800 (Quelle: Kawasaki)

In der Praxis überzeugt das präzise Fünfganggetriebe mit einer gelungenen Abstufung und kurzen Schaltwegen. Dabei hat Kawasaki das Übersetzungsverhältnis des ersten Gangs so abgestimmt, dass es einen starken Antritt aus dem Stand ermöglicht. Leider haben die Konstrukteure – meiner Meinung nach – allerdings einen sechsten Gang vergessen. Wer beherzter mit der W800 unterwegs ist, wird ihn definitiv vermissen.

Fahrwerkskonzept der W800

Das Fahrwerkskonzept der Kawasaki W800 folgt den insgesamt den für das Design vorgegebenen Kriterien nach „Einfachheit“, „Funktionalität“ und „Eleganz“. Herzstück bildet ein Doppelschleifenrahmen aus hochfestem Stahlrohr mit einem zentralen 50-mm-Vierkantträger, welches der W800 eine sehr hohe Verwindungssteifigkeit bei kompakter Gesamtkonstruktion verleiht.

Die konventionelle Telegabel vorn mit den schützenden Gummimanschetten und den 39-mm-Standrohren schluckt Schlaglöcher auf ausgefahrenen Straßen mühelos und sorgt mit dem 19 Zoll Vorderrad für einen stabilen Geradeauslauf. Eine steife Hinterradschwinge unterstützt die Handling-Qualitäten in Kombination mit fünffach einstellbaren Federbeinen, die ohne Abdeckung auskommen  und so perfekt zur Gesamterscheinung der W800 passen.

Kawasaki W800
Das gewählte Fahrwerkskonzept passt zur Kawasaki W800 (Quelle: Kawasaki)

Die W800 macht ihren Job in der Praxis tadellos, auch wenn es Situationen gibt, bei denen man das Fahrwerk an seine Grenzen bringt. Ein gutes Händchen hat Kawasaki bei der Wahl der Reifen bewiesen. Der Dunlop TT100GP (vorn im Format 100/90-19M/C 57H und hinten: 130/80-18M/C 66H) hat nicht nur ein klassisches Profil, sondern bietet auch wirklich guten Grip.  Einzig die vordere 300 mm große Scheibenbremse mit der Doppelkolben-Schwimmsattelzange bietet Anlass zur Kritik. Wenn es darauf ankommt, muss man ordentlich zupacken können – zu viel wie ich meine.

Das „W“-Styling

Über das Design der Kawasaki W800 braucht man eigentlich nicht viele Worte verlieren. Mit klassisch, zeitlos und schön lässt sich das Erscheinungsbild des Classic Bikes wohl am besten umschreiben. Aber es sind die feinen Details, die die Retro-Kawasaki so liebenswert machen. Und auf den ersten Blick verleugnet die W800 ihre Zugehörigkeit zu einer japanischen Motorradmarke. Erst der Blick aufs Heck lüftet das Kawasaki-Geheimnis. So wurde ich schon oft gefragt, was das für eine Maschine sei.

Was bei der W800 besonders positiv auffällt, das ist die Materialanmutung und Verarbeitung. Der Tank ist nicht nur sinnlich konturierte, sondern kommt in einer hochwertigen Lackierung daher. Mithilfe der 3D-Immersionstechnologie wurde der Tank seitlich mit einer sehr feinen Farbabstufung bei weiterhin perfekter Oberflächenqualität versehen. Die in Chrom ausgeführten Tankembleme unterstreichen das hochwertige Erscheinungsbild.

Kawasaki W800
Unverkennbar: Das W-Styling der Retro-Kawasaki (Quelle: Kawasaki)

Poliertes Metall, Stahl und Chrom wohin das Auge reicht. So sind die Seitendeckel aus Stahl und bewusst nicht aus billigem Plastik  gefertigt. Die vorderen und hinteren Stahlkotflügel sind verchromt und versprechen damit eine lange Lebensdauer. Polierte Motordeckel und Gabelstandrohre ergänzen das hochwertige Finish. Und selbst kleine Teile sind aus schwarz eloxiertem Aluminium gefertigt. Und selbst die leichten Aluminiumfelgen sind äußerst korrosionsbeständig. Die Speichen und Nippel sind mit einer Cosmer-NC-Vergütung versehen, sodass sich Schmutz einfach abwischen lässt.

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