YAMAHA XZ 550 – das vergessene Hightech-Mauerblümchen

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Im Jahr 1982, mitten in der Blütezeit des erbitterten Konkurrenzkampfes zwischen den japanischen Motorradproduzenten, allen voran Yamaha vs. Honda, also genau in der Zeit der hektischen, ja schon fast wöchentlichen Modellwechsel und der Ära des „Lücke-in-der-Nische-Besetzens“ erblickte bei Yamaha ein Stück Futurismus in Form der XZ 500 das Licht der Welt.

„Klare Kante(n) zeigen“

Während der Rest der Zunft die diversen Halbliter-Vierzylinder-Modelle mit allerlei innermotorischen Modellpflege-Maßnahmen (Hubraumerhöhung, Vierventiltechnik etc.) in Richtung Spitzenleistung 65 bis 70 PS trimmte, ging der japanische Motorradhersteller mit den Stimmgabeln im Logo mit der Yamaha XZ 550 einen eigenen, etwas verschrobenen und designerisch avantgardistischen Weg, um Käufer anzusprechen. Schließlich hatte Suzuki mit den vom TARGET-Team aus München gestalteten Baureihen der Katanas einen nicht für möglich gehaltenen Erfolg.

Alle Mitbewerber in der 500+ -Klasse hatten ihre gerundeten Formen mit teils fließenden Tank-Sitzbank-Linien und einem ebenso gefälligen Bürzelabschluß am hinteren Ende der Sitzbank.

Mit der XZ 550 Typ 172 (64 PS) und Typ 173 (50 PS) wich YAMAHA krass vom weich-fließenden Design-Mainstream ab und stellte ein sehr kantig geschnittenes Mittelklassebike auf die Räder, welches für Technik-Freaks mit vielen interessanten Details aufwartete.

Yamaha XZ 550
Die Yamaha XZ 550 war ein sehr kantig geschnittenes Mittelklassebike (Foto: Jürgen Lorenzen)

Feine Detaillösungen der XZ 550

Als Antrieb der Yamaha XZ 500 diente ein neu entwickelter, wassergekühlter V2 DOHC 8-Ventil-Twin, der offen 64 PS auf die Kurbelwelle drückte und in Deutschland der Versicherungsprämien wegen auch mit 50 PS angeboten wurde. Das Gemisch wurde durch zwei 36er Mikuni-Gleichdruckvergaser aufbereitet. Auch hier half das YICS, eine Art Interferenzröhre im Ansaugtrakt, Leistungsentfaltung und Motorlauf zu optimieren.

Über ein Fünfgang-Getriebe wurde die Kraft per wartungsfreier Kardanwelle an das 18 Zoll-Leichtmetall-Guss-Hinterrad geleitet. Dieses stützte sich mit der im Moto-Cross bewährten Yamaha-Cantilever-Federung gegen den Rahmen ab. Hierbei saß das Einzelfederbein schräg ansteigend unter Seitendeckel und Tank.

Yamaha XZ 550
Die Yamaha XZ 550 in der Schnittzeichnung (Quelle: Jürgen Lorenzen)

Das vordere, ebenfalls 18 Zoll messende Leichtmetall-Guss-Rad, dessen paralleler Speichenverlauf an eine Stimmgabel erinnerte (Bezug zum Firmenlogo: 3 gekreuzte Stimmgabeln), wurde in einer ölgedämpften Teleskopgabel mit zurückversetzter Achsaufnahme geführt. Hier sollte trotz des langen Radstands von 1.450 mm durch die herangezogene Achsaufnahme der Nachlauf verkürzt werden, was wiederum der Handlichkeit der Yamaha XZ 550 zu Gute kam.

Die Yamaha XZ 550 war ihrer Zeit voraus

Mit diesem avantgardistischen Package und der Platzierung als Tourer versuchte Yamaha nun, um Käufer zu buhlen. Doch auch als 1983 die Version XZ 550 S mit Vollverkleidung auf den Markt kam, wollten die deutschen Biker nicht so recht „ran an den Speck“. Im Gesamterscheinungsbild wollte suchte die XZ 550 in der Formensprache einige Anleihen beim Technologieträger XJ 650 Turbo und wollte so ihrer Modernität betonen.

Yamaha XJ 650 Turbo
Ähnlichkeiten: Yamaha XJ 650 Turbo (Quelle: Yamaha)

Leider waren diese Bemühungen und das an sich gute und zukunftsweisende Konzept damals nicht von Erfolg gekrönt, so dass die Produktion der Yamaha XZ 550 nach nur zwei Jahren 1984 eingestellt wurde. Restbestände wurden teils für „kleines Geld“ über die Händlerschaft abverkauft oder es wurden Einheiten als Schulungsobjekte für den Aus- und Weiterbildungsbereich abgegeben.

Yamaha XZ 550
Die XZ 550 S mit Vollverkleidung sollte als Tourer positioniert werden (Foto: Jürgen Lorenzen)

Situation am Gebrauchtmarkt

Wer jetzt eine Yamaha XZ 550 sucht, hat relativ wenig Auswahl, denn laut KBA beläuft sich der Bestand auf insgesamt 261 zugelassene Fahrzeuge, davon 65 Stück vom Typ 172 mit 64 PS und der größere Teil (196 Stück) des Typs 173 mit 50 „versicherungsgestutzten“ PS.

Yamaha XZ 550
Damalige Varianten der XZ 550 im Yamaha-Prospekt

Spezifische Defekte können bei der TCI-Zündbox oder der YICS-Box (Undichtigkeiten) auftreten, neben landläufigen Standschäden verabschiedet sich gerne auch die Lichtmaschine oder der Anlasserfreilauf glänzt mit Defekt.

Durch die angespannte Ersatzteilsituation kann so ein dem geneigten Interessenten günstig angebotener Garagen- oder Scheunenfund zum Groschengrab werden. Wenn ein Kauf in Frage kommt, dann eines der raren durchreparierten bzw. restaurierten Exemplare.

Im Gegenzug erhält man einen Mittelklasse-Tourer der 80er mit feinen technischen Details, der nicht an jeder Straßenecke zu finden ist und neben einem markanten Klang auch noch ein auffallendes Design aufweist.

 

(Autor: Frank Colling)

Discussion3 Kommentare

  1. Was in Europa leider nie erkannt und in Nordamerika scheinbar niemand glauben wollte – ernsthafte Tester kamen zu einem bemerkenswerten Ergebnis: „we think it’s the best bike Yamaha ever built.“

    Wer heute ein gutes Exemplar hat und pflegt, kann das nur bestätigen. Dieses Motorrad ist einfach unglaublich. Und der Klang ist nicht einfach nur „markant“, er ist einzigartig.

    • Schade, dass der Link zum Artikel der „Cycle Canada“, die die XZ im Test einfach nur großartig fand, herausmoderiert wurde!

      • Hallo Bernhard,

        ich baue ihn mit Referenz und einer verständlichen URL noch in den Beitrag – versprochen. Und danke für Dein Engagement, freut mich wirklich! VG Jens

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