Kawasaki Z 900 RS on the Road getestet

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Erinnern wir uns noch an die Zeiten, als die Sportschau in schwarz-weiß alle neun Bundesligaspiele nacheinander zeigte – damals noch ohne Werbeunterbrechung. Rudi Carrell verschönerte die Samstagabende der Familie und auf der Straße waren Schlaghosen und Flower Power angesagt. Das waren schöne Zeiten, als die Kinder und Jugendliche noch ohne „eckige“ Augen vom Handy oder Computer auf die technischen Wunderwerke blickten, die da über die halbe Welt zu uns kamen.

Die 70er Jahre waren auch die Zeit, als japanische Motorräder hierzulande für Furore sorgten und BMW zunehmend Konkurrenz machten. Eines der Objekte der Begierde war seinerzeit die Kawasaki Z 900, die 1972 auf der Motorradmesse IFMA wie eine Bombe einschlug. 82 PS aus vier Zylindern, über 200 km/h schnell und in 4,2 Sekunden von Null auf 100 km/h – das hatte man noch nicht gesehen und gefahren schon gar nicht. Dass das Fahrwerk mit diesen Kräften überfordert war – geschenkt. Eine Legende war geboren, die zudem mit schönem, tropfenförmigem Tank und einem kecken Heckbürzel optisch einiges her machte.

Was liegt also näher als diese Legende heute, in Zeiten des Retro-Booms, wieder aufleben zu lassen? Als Z 900 RS erlebt die klassische Kawa in diesem Jahr ihre Reinkarnation und wurde von den Medien längst beleuchtet. Auf der Straße ist sie allerdings immer noch ein seltener Anblick. Motorradblogger Torsten Thimm hat sich deshalb in den Sattel des Retrobikes geschwungen und die Z 900 RS auf Herz und Nieren getestet.

Kawasaki Z 900 RS
Torsten Thimm hat die neue Kawasaki Z 900 RS getestet (Foto: Torsten Thimm)

So viel vorweg

Wie schon in der Vergangenheit ist ein gutes Triebwerk oft mehr als nur ein einziges Motorrad gut. So verpflanzte Kawasaki kurzerhand den fulminanten Motor der Z1000 in ein klassisch designtes Bike namens Z900 RS und trifft damit – nicht ganz zufällig – den aktuellen Zeitgeist. Geliefert wird die Retro Z 900 als reines Naked Bike in den Farben Candytone Brown/Candytone Orange, Metallic Flat Spark Black und Metallic Matte Covert Green/Flat Ebony sowie als Cafe Racer Edition mit Halbschale, die ausschließlich in Vintage Lime Green angeboten wird.

Kawasaki Z900RS
Eine von drei verfügbaren Farben: Candytone Brown /Candytone Orange (Quelle: Kawasaki)

Erster Kontakt mit der Z 900 RS

Ihr frisch poliertes, rotbraunes Lackkleid reflektiert das Licht der Morgensonne einfach toll. Die Designelemente aus gebürstet wirkendem Metall betonen ihre fließenden Formen. Gekonnt versetzt die Kawasaki Z 900 RS den geneigten Betrachter zurück in die wilden 70er, aus denen sie geradezu herübergebeamt worden zu sein scheint. Das „HABENWILL“-Gefühl kommt ganz automatisch in einem hoch und die Erinnerungen an Mad-Max und seinen motorradfahrenden Kollegen Jim Goose, der die alte Z im Film fuhr ist sofort präsent. Doch befinden wir uns im hier und jetzt und die Kawasaki Z900 RS ist brandneu auf dem Markt.

Viele ihrer Bauteile, wie Seitendeckel und Lampengehäuse sind aus Kunststoff gearbeitet und lackiert, was zuerst etwas irritiert, aber natürlich Gewicht einspart gegenüber Metallausführungen. Und trotzdem bringt Kawasaki mit ihr ein Modell, das den alten Namen mit Stolz trägt, auch wenn mittlerweile Kühlwasser den Vierzylinder umfließt und eine Einspritzung mit Abgasreglung den Sound ins Freie befördert. Die heutigen Zeiten lassen halt in vielerlei Hinsicht nicht mehr so viel Luft wie früher. Ergänzt wird das alles durch den heutigen Rest an Elektronik, wie ABS und Traktionskontrolle, die sie natürlich ebenfalls mit an Bord hat.

Kawasaki Z 900 RS
Die Z 900 RS verfügt über Wasserkühlung, Einspritzanlage und Kat (Foto: Kawasaki)

Geprägt durch den markanten LED-Rundscheinwerfer, eine massive Upside-Down-Gabel und zwei klassischen Rundinstrumente, präsentiert sich das Frontend der RS. Letztere sind zwar durch eine LCD-Anzeige in der Mitte getrennt, vollenden aber dennoch optisch den gewünschten Vintagelook. Über den angenehm gekröpften Lenker wandern Blick und Hände automatisch am tropfenförmigen 17 Liter fassenden Tank entlang, der sich nach hinten verjüngt und zusammen mit dem Sitz in diesem typischen Z-Heck endet. Harmonie der Formen? Durchaus, wenn da nicht nur der eine Endtopf wäre.

Ja ich weiß, ist Jammern auf hohem Niveau, denn die Auspuffanlage klingt sehr gut und ist aus einer Edelstahl und Chrom Kombination fein zusammengebaut. Ein zweites Endrohr auf der linken Seite hätte der Optik aber einfach die Krone aufgesetzten und noch mehr geschmeichelt. Dass ich mit dieser Meinung nicht ganz alleine dastehe, zeigt mittlerweile der Zubehörhandel, der sogar schon eine 4-in-4 Anlage im gewohnten Look der 1970er Jahre anbietet. Sieht man in der Serie aber einmal davon und vom Pippitöpfchen an der vorderen Bremsanlage ab, ist das Gesamtkonzept der Kawasaki Z 900 RS rundum stimmig.

Kawasaki Z 900 RS
Die 4-in-1 Anlage will nicht so richtig ist sonst perfekte Bild passen (Foto: Torsten Thimm)

Wer auf ihrem 805 mm hohen Sitz erst einmal Platz nimmt, will so schnell nicht mehr runter und ein mögliches Fahrziel wird nur durch den Spritvorrat im Tank begrenzt. Der entspannte Kniewinkel lässt zudem lange Etappen ohne Probleme zu, auch wenn die Spreizung der Beine durch das Tankdesign etwas mehr ist, als bei modern gestylten Bikes. Und dann hat Kawasaki da auch noch diesen Motor im Rahmen verbaut. Ein echter Charaktertyp parexellence, mit 111 PS Leistung und einem Drehmoment von beinahe 100 Nm.

Er ist vielseitig, liebt die höheren Drehzahlen genauso wie das seichte dahinschlendern im sechsten Gang auf den Landstraßen. Gemeinsam mit dem knackig zu schaltenden Getriebe und der leichtgängigen, mit serienmäßig einstellbarem Kupplungshebel zu bedienenden Kupplung wird es so dem Fahrer leicht gemacht auch einfach einmal zu genießen, zumal die Pferdchen ruckzuck versammelt sind, wenn man sie tatsächlich einmal braucht.

Kawasaki Z 900 RS
Der Z 900 RS Motor ist ein echter Charaktertyp (Foto: Torsten Thimm)

Fahreindrücke auf der Straße

Irgendwo schnell ankommen wird mit der Kawa irgendwie zur Nebensache, denn sie zieht dich ganz automatisch in ihren Bann und du möchtest nur eins, fahren. Bei einem Verbrauch von rund 5,5 Litern auf 100 Kilometern, ist eine Strecke von 300 Kilometern auch gar kein Problem. Zwischendurch springen einem dabei immer wieder die beiden Nadeln der analogen Uhren ins Auge. Und für einen Analogliebhaber wie mich, ist es die reinste Freude ihnen zuzusehen wie sie sich gegenseitig beim Beschleunigen jagen. Das kleine schwarz/weiße LCD – Display in ihrer Mitte gibt zudem weitere Informationen, wie Tankfüllung, Wassertemperatur und Ganganzeige an den Fahrer weiter.

Kawasaki Z 900 RS
Moderne Rundinstrumente und LED-Einheiten (Foto: Kawasaki)

Etwas weiter unten arbeitet das Fahrwerk außerordentlich geschmeidig, stabil und sehr neutral. Dies ist unter anderem auf die oben bereits erwähnte und voll einstellbare Upsidedowngabel zurückzuführen. Die funktioniert super und filtert grobe Unebenheiten einfach heraus, egal welchen Straßenbelag man ihr präsentiert. Ein wenig anders gestaltet sich das Ganze hinten, denn das Federbein ist im Vergleich etwas weniger feinfühlig. In der Summe jedoch passt die Kombination als sehr guter Kompromiss.

Kawasaki Z 900 RS
Etwas wenig feinfühliges Federbein hinten (Foto: Torsten Thimm)

Und wie das mit guten Kompromissen oftmals so ist, führen sie hin und wieder dazu, dass man sie auch einmal ausreizen möchte! Dabei kann es vorkommen, dass das Vorderrad beim druckvollen aufziehen auch schnell mal ein wenig leichter wird und die Fußrastennippel in flott gefahrenen Kurven die Funken fliegen lassen. 230 km/h gibt Kawasaki für die Nackte als Höchstgeschwindigkeit an und das, unter uns gesagt, schafft sie auch. Flach liegend auf dem Tank am besten, denn aufrecht werden selbst dicke Arme dabei schnell recht lang.

Z 900 RS
Das Vorderrad wird bei flotter Gashand gerne mal leichter (Foto: Dricot THierry-50)

Aber mal ganz ehrlich, wer will mit diesem Bike schon Höchstgeschwindigkeitsorgien feiern? Sportliches und vor allem klassisches Cruisen ist viel mehr ihr Part – dafür wurde sie gebaut. Natürlich lässt sich die Z 900 RS auch mit etwas mehr Druck am Lenker in enge Kurven bewegen, als ihre moderne Schwester Z900. Dieses Charakterzehntel was sie unter Umständen an, nennen wir es doch einfach mal Kurvengier verliert, verdankt sie der klassischeren Sitzposition, ihren fünf Kilo mehr Hüftspeck und den zwanzig Millimetern mehr Radstand.

Z 900 RS
Klassisches Cruisen liegt der Kawa am besten (Foto: Dricot THierry-50)

Doch folgt am Ende Kawasaki damit seinem Vintagekonzept, was auch die etwas weniger bissige Auslegung der radial verschraubten Bremszangen erklärt. Nach Zephyr und W800, die beide auf ihre Art großartige Motorräder waren, hat Kawasaki nun mit der Z900 RS das Retrobike im Köcher, dass an die eigene Geschichte anschließen kann und wird.

Mein Fazit zu Kawasaki Z 900 RS

Ich finde Kawasaki ist es sehr gut gelungen eine Brücke zwischen der eigenen Vergangenheit und der Gegenwart zu schlagen. Mit der Z900 RS hat der Hersteller ein vortreffliches Motorrad auf die teilgebürsteten Felgen gestellt. Die RS ist nicht nur optisch sehr gelungen, nein sie hat auch die Gene und vor allem den Charakter, den ein solches Retrobike haben sollte. Vielleicht wird sie, wie ihre berühmte Vorfahrin aus den 70ern, selbst zur Legende. Wer weiß…

Plus

  • Fulminanter Motor
  • Feine Gabel
  • Harmonische Optik (bis auf den 4 in 1 Auspuff)

Minus

  • Etwas unsensibles Federbein
  • Kaltstartdrehzahl
  • Etwas zu viele Plastikteile
Z 900 RS
Die Pluspunkte wiegen schwerer bei der Z 900 RS (Foto: Torsten Thimm)

Technische Daten Kawasaki Z 900 RS

Motor:

  • Motor: wassergekühlter Viertakt-Reihenvierzylindermotor, vier Ventile pro Zylinder, DOHC,
  • Hubraum: 948 ccm,
  • Bohrung x Hub 73,4 x 56 mm
  • Getriebe/Endantrieb: 6-Gang, Kette
  • Leistung: 111 PS bei 8 500/min
  • Drehmoment: 99 Nm bei 6 500/min

Fahrwerk:

  • Rahmen: Gitterrohrrahmen aus Stahl
  • Federung vorn: Upside-down-Gabel, Standrohr-Ø 41 mm, Federweg 120 mm, voll einstellbar
  • Federung hinten: Aluminiumschwinge mit Monofederbein, Federweg 140 mm, voll einstellbar
  • Bremsen: 300-mm-Doppelscheibe vorn, 250-mm-Scheibe hinten, ABS
  • Bereifung: 120/70ZR17 und 180/55ZR17

Maße und Gewichte:

  • Gesamtlänge: 2.100 mm
  • Radstand 1470 mm
  • Lenkkopfwinkel 65°,
  • Nachlauf 99 mm
  • Gewicht vollgetankt: 215 kg
  • Zulässiges Gesamtgewicht: 395 kg

Fahrleistung:

  • Höchstgeschwindigkeit 230 km/h,
  • Beschleunigung 0 – 100 km/h: 3,5 sek,
  • Testverbrauch: 6,0 l /100 km

Inspektion: 6000 km oder 1 x jährlich

Preis: 11.695 Euro in Schwarz, 11.895 Euro in Olivgrün, 11.995 Euro in Braun

 

[Autoren: Testride: Torsten Timm von ttmotorbikeblog; Vorwort: Heinrich Gutjahr, Jens Schultze]

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