Julian Eichhoff – Motorradfotografie ist kein Hexenwerk

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Wir hatten im Dezember ein spannendes Buch zum Thema „Motorräder fotografieren“ vorgestellt. Ich sprach mit Fotograf und Buchautor Julian Eichhoff, der sich seit vielen Jahren der Motorradfotografie verschrieben hat, worauf es ankommt, was man benötigt und welche Fehler man unbedingt vermeiden sollte. So viel vorweg, es ist gar nicht so schwer, das liebe Schätzchen ins rechte Licht zu rücken.

Julian Eichoff
Motorrad-Fotograf Julian Eichoff im Interview (Foto: Thorsten Karrer)

Wenn Du typische Motorrad-Schnappschüsse auf Facebook anschaust, was fällt Dir am häufigsten auf?

J.E.: Ich bemerke oft eine starke Diskrepanz zwischen der Begeisterung für die eigene Maschine und der Art, wie sie dann fotografiert und präsentiert wird. Die edelsten Maschinen werden dann mit mittelklassigen Fotos präsentiert. Nicht selten sind es Hochkantbilder, auf denen Heck und/oder die Front abgeschnitten sind. Manchmal liegt die der Kamera zugewandte Seite der Maschine im Dunkeln, so dass man oft gar nicht erkennt, um welches Modell es sich handelt. Am gruseligsten sind die Fotos auf Verkaufsportalen wie z.B. mobile.de. Dort habe ich das Gefühl, dass sich die Besitzer besonders wenig Mühe geben. Und das verstehe ich nicht, weil Motorräder doch mit so viel Emotionen und Hingabe verbunden sind, dies aber sich oft nicht in den Fotos spiegelt.

Woran liegt das, dass die meisten Fotos ausdrucklos sind?

J.E.: Wenn ich vor einer Maschine stehe und sie mit eigenen Augen betrachte wirkt sie anders, als wenn ich ein Foto aus exakt dem gleichen Blickwinkel mache und es später anschaue. Das hängt der Psyche des Menschen zusammen – das direkt Erlebte wird anders wahrgenommen als ein statisches Bild. Somit muss man ein Foto anders aufbauen. Das ist vielen Menschen aber nicht bewusst und so stehen sie dann vor einem Motorrad und denken „Die sieht aber schick aus, da mache ich mal ein Foto“. Wenn das Foto dann später anderen Leuten gezeigt wird und die Begeisterung ausbleibt wird hastig ergänzt „Ja gut, das hättest Du in echt sehen müssen“.

Was sind die typischen Fehler, die Du im Alltag beobachtest? Worauf sollten Motorradfahrer in klassischen Fotosituationen achten?

J.E.: Das Eine bedingt das Andere, daher konzentriere ich mich mal darauf, worauf geachtet werden soll. Das Motorrad soll der Star der Aufnahme sein und im Zentrum der Aufmerksamkeit stehen. Dazu muss man das Motorrad a.) gut sehen können und b.) kein ablenkendes Beiwerk im Hintergrund sein (z.B. parkende Autos oder Mülltonnen in der direkten Umgebung).

Motorräder fotografieren
Foto 1 – Aufnahme im Stehen (Foto: Julian Eichhoff)
Motorräder fotografieren
Foto 2 – Querformat in der Hocke (Foto: Julian Eichhoff)
Motorräder fotografieren
Foto 3 – Perfekte Komposition (Foto: Julian Eichhoff)

Machen wir einmal einen fotografischen Schnellkurs. Situation: ein Motorrad steht auf einem Hof mit mehreren anderen Maschinen. Foto 1: Der Biker steht vor der Maschine und knipst (ich sage bewusst „knipsen“) das Moped im Stehen und im Hochkantformat. Was auffällt: eine nach unten geneigte Perspektive, unruhiger Bildaufbau, das Bildformat passt nicht zur Maschine. Insgesamt kein gutes Foto. Foto 2: Foto im Querformat und in der Hocke aufgenommen. Jetzt passt die Maschine viel besser in den Bildaufbau und ich begegne ihr „auf Augenhöhe“. Foto 3: Die Maschine wurde ein paar Meter nach hinten geschoben und steht nun alleine vor einem großen Tor. Jetzt ist das Motorrad der alleinige Star des Fotos, die Aufmerksamkeit liegt nur bei der Maschine.

In Deinem Buch gehst Du zu Beginn sehr ausführlich auf das Thema Ausrüstung ein. Nicht jeder hat die Mittel sich eine teure Vollformat-Spiegelreflexkamera zu kaufen. Was empfiehlst Du in diesem Fall, um trotzdem anspruchsvolle Aufnahmen machen zu können?

J.E.: Das Kapitel zur Ausrüstung ist in jedem Fotobuch notwendig, da man nicht davon ausgehen kann, dass jeder den gleichen Kenntnisstand hat. Alle Leser müssen abgeholt werden. Nirgendwo steht, dass man eine dicke Kamera braucht, im Gegenteil. Die beste Kamera ist die, die man dabei hat. Sie sollte aber in der Lage sein, die Belichtungsparameter individuell einzustellen, also Blende und Belichtungszeit. Mit einer vollautomatischen Kamera, die keine Einstellungsmöglichkeiten zulässt, limitiert man sich fotografisch schon stark.

Zur eigentlichen Frage – Ich empfehle, sich mit Fotografie anstatt Equipment zu beschäftigen! Denkt über Licht, Perspektive und Bildaufbau nach anstatt Megapixel, Cropfaktoren und ISO-Bereiche zu vergleichen! Dieser Mythos, dass man für gute Bilder teures Equipment braucht, hält sich sehr hartnäckig. „Das ist aber eine tolle Kamera, die macht bestimmt gute Fotos!“ hört man als Fotograf immer wieder. Komischerweise sagt aber keiner zu einem Koch „Ich kann nicht so tolle Suppen kochen wie Du, weil ich nicht einen so guten Kupfertopf habe“.

Der Spruch ist leider abgedroschen, aber es kommt nicht auf das Equipment an, sondern darauf, es richtig einzusetzen. Und genau das vermittele ich in den ganzen Kapiteln, die nach dem über die Ausrüstung folgen.

Wie kann ein Amateur-Fotograf auch mit einer üblichen Kompaktkamera schöne Fotos machen?

J.E.: Indem er weiss, was die wichtigsten Faktoren für ein gutes Motorradfoto sind, nämlich Licht, Location, Perspektive, Bildaufbau. Die Maschine muss gut ausgeleuchtet sein, das kann z.B. auch unter einer Straßenlaterne der Fall sein. Die Location muss interessant sein, darf aber nicht zu sehr vom Motorrad ablenken. Die Kamera sollte maximal auf Tank- bzw. Scheinwerferhöhe sein, um eine interessante Perspektive einzunehmen. Im gesamten Bild soll das Motorrad der Star sein, andere Dinge dürfen nicht ablenken.

Motorräder fotografieren
Location und Licht sind essentiell in der Motorradfotografie (Foto: Julian Eichhoff)

Damit habe ich einen Großteil des Buches in ein paar Sätze komprimiert, d.h. es gibt noch so viele andere Dinge zu lernen, die ich in der Kürze eines Interviews nicht wiedergeben kann.

Aufnahmen von Motorrädern während der Fahrt gelten ja als recht anspruchsvoll. Wie bekommt man mit „Hausmitteln“ schöne Fotos realisiert?

J.E.: Um Bewegung in Bildsprache zu übersetzen gibt es mehrere Möglichkeiten in der Motorradfotografie. Die Hauptelemente sind Schräglage und Bewegungsunschärfe. Positioniert euch am Kurvenausgang, so dass ihr einen guten Blick auf die Motorräder in Schräglage habt. Achtet dabei unbedingt darauf, dass ihr a.) nicht in der Sturzzone steht und b.) ihr die Motorradfahrer nicht zu sehr ablenkt. So mancher Zeitgenosse möchte es in Anwesenheit einer Kamera besonders gut machen, was das Sturzrisiko erhöht. Schräglagenbilder können auch gestochen scharf sein (kurze Belichtungszeit), die Schrägstellung zeigt dann schon optisch, dass das Motorrad in Bewegung ist. Bewegungsunschärfe wiederum entsteht, wenn mit einer vergleichsweise langen Belichtungszeit fotografiert wird, z.B. 1/40 s und langsamer. Wenn ihr euch an einem geraden Teilabschnitt einer Straße postiert und das Motorrad im Vorbeifahren im Sucher mitverfolgt und die Kamera entsprechend verschwenkt, wird das Motorrad scharf angebildet und die Umgebung verwischt. Man nennt diese Technik „Mitzieher“. Alles, was man dazu benötigt, ist eine Kamera mit der Möglichkeit, die Belichtungszeit individuell zu steuern (das bieten auch die meisten Kameras am Markt, nur sehr einfache Kompaktkameras bieten das nicht an).

Motorräder fotografieren
Erfordert etwas Übung – der Mitzieher (Foto: Julian Eichhoff)
Motorräder fotografieren
Schräglagenaufnahme (Foto: Julian Eichhoff)

Bietest Du eigentlich interessierten Bikern auch Fotokurse an?

J.E.: Die Idee dazu steht schon seit längerem im Raum, und es gab sogar schon ein Gespräch mit einem Fahrsicherheitszentrum, sowas auf deren Gelände anzubieten. Leider stoße ich mit so einem Vorhaben zeitlich an meine Grenzen. Die Motorradfotografie mache ich nur nebenberuflich und da bleibt neben meinem regulären Job, der Familie, dem Fotografieren und Bloggen nicht mehr viel Zeit.

Was sind die 5 (oder 10) ultimativen Tipps in der Motorradfotografie?

J.E.: Siehe oben, aber hier die Essenz:

  1. Beschäftigt euch mit Fotografie statt Equipment
  2. Licht ist König, sei es Tageslicht, Laternenlicht oder Blitzlicht
  3. Eine interessante Location ist die halbe Miete
  4. Maximal auf Tankhöhe fotografieren
  5. Zeigt eure Bilder und holt euch qualifiziertes Feedback ein, wenn ihr in der Motorradfotografie weiterkommen wollt.

In der Fotogalerie oben haben wir einige tolle Aufnahmen als Anregung zur Motorradfotografie für euch zusammengestellt. Wer sich dennoch nicht traut, kann bei Julian Eichhoff auch ein Shooting in Auftrag geben, das nicht Welt kostet. Für alle, die ich mit diesem Beitrag motivieren konnte, sei das Buch „Motorräder fotografieren“ von Julian Eichhoff ans Herz gelegt. Die Lektüre ist verständlich geschrieben und führt den Leser Schritt für Schritt an das perfekte Motorradfoto heran. Traut euch, probiert es aus und sendet uns gerne eure Aufnahmen, denn viele unserer Classic Bikes warten noch auf schöne Fotos!

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