Die C 72 des japanischen Motorradherstellers Honda ersetzte bereits 1960 nach weniger als zwei Jahren Bauzeit ihr Vorgänger-Modell, die C 71. Die neue Honda C72 wurde bis 1964 verkauft und war auch die Basis der heute seltenen wie kultigen Honda CB 72.

Honda CB 72 von 1960

Honda CB 72 von 1960 (Foto: Honda)

Die Honda C 72 war die Fortsetzung des Gleichläuferprinzips

Das Motorrad behielt im Wesentlichen die technischen Merkmale der C 71 bei. Eine grundlegende Änderung betraf jedoch die Motorschmierung. Honda ging von einer Trockensumpfschmierung zu einer Druckumlaufschmierung über (auch als Nasssumpfschmierung bekannt). Bei der Druckumlaufschmierung wird das Motoröl nicht mehr in einem separaten Behälter – bei der C 71 rechts am Rahmen untergebracht – mitgeführt, sondern in der Ölwanne unterhalb der Kurbelwelle. Das Öl gelangt dann mittels Ölpumpe und Kurbelwellenbewegung zu den Schmierstellen im Motor.

Laut Motorrad Classic 04/89 änderte Honda auch den Ölschleuderfilter, der

„bislang auf der Getriebehauptwelle mitlaufend, nun von der Kurbelwelle aus über eine Kette angetrieben wurde.“

Im Studio: Honda CB 72 von 1965 (Quelle: Peter Kraus, Z-Club Germany)

Im Studio: Honda CB 72 von 1965 (Quelle: Peter Kraus, Z-Club Germany) (Quelle: Peter Kraus, Z-Club Germany)

Die Honda CB 72 besaß den stärkeren Motor mit zwei Vergasern

Die Honda C 72 basiert auf dem gleichen 247 ccm Parallel-Twin Viertakt-Motor der ersten C 70 aus dem Jahre 1957. Der Zweizylinder-Viertakt-Motor verfügt über 247,3 ccm Hubraum – Bohrung und Hub sind dabei mit 54 x 54 mm identisch ausgelegt – und leistet bei 8.400 U/min 20 PS.

Der Anlasser saß vor dem Motorblock

Der Anlasser saß vor dem Motorblock (Quelle: Peter Kraus, Z-Club Germany)

Neben der „Standard“ C 72 gab es auch die CB 72 als Sportversion. Sie setzte in jenen Tage neue Maßstäbe der Leistungsfähigkeit, wie sie sonst nur von hubraumstärkeren Motorräder bekannt gewesen ist. Trotz äußerlicher Verwandtschaft, hielt das Triebwerk der Honda CB 72 einige technische Änderungen parat. Zur Leistungssteigerung verbaute Honda nun zwei Keihin-Rundschiebervergaser mit je 22 mm Durchlass, um eine gleiche Füllung der Brennräume zu ermöglichen. Die Verdichtung wurde von 6,2:1 auf 9,5:1 erhöht und die Kurbelwelle auf einen Hubversatz von 180 Grad geändert (C 72: 360 Grad). Damit erreichte die Super Sport 24 PS bei 9.000 U/min.

Parallel-Twin der Honda CB 72

Parallel-Twin der Honda CB 72 (Quelle: Peter Kraus, Z-Club Germany)

Motor und Zylinder wurden von Honda in Aluminium-Leichtbauweise gefertigt. Wie in späteren Parallel-Twins von Honda, verfügte der C 72 Motor über eine obenliegende Nockenwelle, die per Steuerkette von der Kurbelwelle angetrieben wurde. Jeweils zwei Ventile, über Kipphebel betätigt, öffnen und schließen die beiden Zylinder. Die Motorleistung übertrug eine Einfachkette zum klauengeschalteten Vierganggetriebe.

Eine in einem geschlossenen Kasten laufende Kette übernahm den rechtsseitigen Sekundärantrieb zum Hinterrad. Damit wirkten Motor und Kettenkasten als eine kompakte, optisch gelungene Einheit. Die Zweischeiben-Kupplung lief im Ölbad und sitzt unter dem linken Motorgehäusedeckel, während die Lichtmaschine rechts untergebracht war. Neben der 247 ccm Variante bot Honda wieder eine identische 305 ccm Version an – die C 77.

Großes Oval-Instrument der CB72 im Scheinwefer

Großes Oval-Instrument im Scheinwefer (Quelle: Bonhams)

Drei erhältliche Modellvarianten – Standard, Touring und Scrambler

Der Rahmen entsprach dem bewährten Pressstahlrahmen des Vorgängermodells, der stabil und verwindungssteif, gleichzeitig aber auch billig in Massen zu produzieren war. Für den notwendigen Fahrkomfort sorgte am Vorderrad eine gezogene Kurzschwinge und hinten eine konventionelle Schwinge. Beide waren ebenfalls aus Pressstahl-Profilteilen gefertigt. Gebremst wurde sowohl vorn als auch hinten mit einer 175 mm Simplex-Trommelbremse.

Der Tacho war bei der C 72 Dream im Scheinwerfer integriert.

Der Tacho war bei der C 72 Dream im Scheinwerfer integriert. (Quelle: Bonhams)

Zur Auswahl stand die C 72 in drei unterschiedlichen Versionen, für die jeweils vier verschiedene Lackierungen ausgesucht werden konnten:

  • Die Honda C 72 war die Standardversion mit Einzelsitz sowie Gepäckträger mit optionalem Sozius. Der Lenker flach und mit lackiertem Stahlblech verkleidet.
  • Die CA 72 (1960 bis 1963) war das Touring-Modell mit Sitzbank, entweder mit flachem und verkleidetem oder hohem Chrom-Lenker. Auf der Sitzbank hatten zwei erwachsene Personen Platz. Die Fußrasten des Beifahrers waren an der Hinterradschwinge befestigt, so dass seine Beine den Federbewegungen während der Fahrt folgten. Unter der Sitzbank befand sich eine Luftpumpe (heute heiß begehrt unter Sammlern). Die Tank-Form variierte bei der CA 72 zwischen der alten C 71 und der großen CA 77.
  • Die CS 72 war die sportliche Ausführung im Scrambler-Look mit hochgezogenen Auspuffrohren (je einer auf jeder Seite) und Doppelsitzbank. Sie wurde ebenfalls als 305 ccm Modell (CS 77 Sport) angeboten. Dabei hatte die CSA 77 wie ihre kleine Schwester einen hohen Lenker.
Touring-Modell in weiß: Honda CA 72 Dream

Touring-Modell in weiß: Honda CA 72 Dream (Quelle: Bonhams)

Honda CB 72 Super Sport als sportlichstes Modell

Nicht nur technisch, sondern auch äußerlich differenzierte sich die Honda CB 72 Super Sports von ihrer Basis. Die altbackene Optik wurde durch sportliche Zutaten deutlich aufgefrischt. Der gepresste Stahlrohrrahmen war kompakt und unten offen. Vorn nahm eine Teleskopfedergabel anstelle der Kurzschwinge Fahrbahnunebenheiten auf. Der klobige Kettenkasten wich einer weniger wuchtigen Kapselung. Die Seitenverkleidung und die schmalen Schutzbleche waren farblich abgestimmt zum Motor in silber gehalten. Es gab die CB 72 in drei Lackierungen zu kaufen – rot, blau und schwarz.

Der Scheinwerfer war rund und nicht mehr eckig und nahm neben einem Tachometer auch einen Drehzahlmesser auf. Der verchromte Lenker war sportlich flach und ohne lackierte Verkleidung. Zur besseren Verzögerung erhielt die Honda CB 72 vorn und hinten hochwirksame Duplex Trommelbremsen.

Die CB 72 hatte eine wirkungsvolle Duplex-Bremse

Die CB 72 hatte eine wirkungsvolle Duplex-Bremse (Quelle: Peter Kraus, Z-Club Germany)

Kaufberatung und Preisspiegel

Die C72 war ein Massenmodell, von dem ungefähr 119.000 Stück gebaut wurden. Trotz dieser großen Stückzahlen ist sie heute als Oldtimer-Motorrad sehr selten geworden. In den Gebrauchtwagenbörsen wurden zum Redaktionsstand gerade mal fünf Maschinen von einer Restaurationsbasis bis hin zum gepflegten 1-2 Zustand zum Verkauf angeboten. Laut Classic-Data bewegen sich die Preise zwischen 1.200 Euro (Note 5) bis hin zu 12.000 Euro für exzellente Sammlerexemplare. Bei eBay ist im April 2014 eine CB 72 mit seltenen „Maikäferblinkern“ für 3.110 Euro versteigert worden, in dem Zustand der Note 3 sicherlich ein gutes Geschäft.

Honda CB 72

Maikäferblinker der CB 72 (Quelle: Peter Kraus, Z-Club Germany)

Bereits vor vielen Jahren brachte Motorrad Classic 04/89 Licht ins Dunkel der „damals katastrophalen Ersatzteilversorgung. Wer Ersatzteile brauchte, dem blieb vielfach nichts anderes übrig, als sie woanders abzubauen.“ Das führte zu dem Phänomen, dass auch Händler Teile von kompletten Motorrädern abschraubten, um Reparaturen an Kundenfahrzeugen durchführen zu können.

Gebrauchte Verschleißteile und Nachbauteile aus Thailand oder Taiwan sind jedoch noch zu bekommen. Eine gute Adresse ist Classic Honda Restoration. Tim McDowell hat sich auf die Restauration von 250er und 305er CA-, CB- und CL-Modelle spezialisiert.

Die Honda CB72 ist selten und bleibt gesucht

Die Honda CB72 ist selten und bleibt gesucht (Foto: Bonhams)

Technische Daten der Honda C 72 und Honda CB 72

EinheitHonda C 70Honda C 71Honda C 72Honda CB 72
1. Fakten
ProduktionszeitJahr1957 bis 19591959 bis 19601960 bis 19641960 bis 1964
NummerierungTouring: CA71-100001
Sport: CE71-10001
C72-100001
CA72-100000
Farbenschwarz, Weiß, Blau, ScharlachrotTouring: Schwarz, Weiß, Blau, Scharlachrot
Sport: Silber mit schwarz, Silber mit rotbraun
Touring: Schwarz, Weiß, Blau, Scharlachrot
Silber mit Scharlachrot, Silber mit schwarz,
Silber mit blau
NeupreisDM2.250 DM
2. Motordaten
Motortyp2-Zylinder-4-Takt2-Zylinder-4-Takt2-Zylinder-4-Takt2-Zylinder-4-Takt
VentilsteuerungSOHC, KetteSOHC, KetteSOHC, KetteSOHC, Kette
Nockenwelle1 obenliegend1 obenliegend1 obenliegend1 obenliegend
Hubraumccm247,3 ccm247,3 ccm247,3 ccm247,3 ccm
Bohrungmm54,0 mm54,0 mm54,0 mm54,0 mm
Hubmm54,0 mm54,0 mm54,0 mm54,0 mm
Verdichtungsverhältnis6,2:16,2:16,2:19,5:1
Vergaser1 Keihin Rundschieber-vergaser VM 221 Keihin Rundschieber-vergaser VM 221 Keihin Rundschieber-vergaser VM 222 Keihin Rundschieber-vergaser PW 22
3. Leistungsdaten
LeistungPS18 PS20 PS20 PS24 PS
bei Drehzahlmin-17.400 U/min8.400 U/min8.400 U/min9.000 U/min
DrehmomentNmn.v.n.v.18,3 Nm19,7 Nm
bei Drehzahlmin-1n.v.n.v.5.700 U/min7.500 U/min
LeistungsgewichtKg/PS8,8 Kg/PS7,9 PS/Kg7,9 PS/Kg6,4 PS/Kg
Höchstgeschwindigkeitkm/h130 km/h130 km/h130 km/h135 km/h
4. Abmessungen
Längemm2.025 mm2.025 mm2.025 mm2.025 mm
Radstandmm1.250 mm1.250 mm1.250 mm1.250 mm
LeergewichtKg158 Kg158 Kg158 Kg153 Kg
5. Bremse
Bremse vornSimplex 175 mmSimplex 175 mmSimplex 175 mmDuplex
Bremse hintenSimplex 175 mmSimplex 175 mmSimplex 175 mmDuplex
6. Antrieb
Getriebe4-Gang Fußschaltung4-Gang Fußschaltung4-Gang Fußschaltung4-Gang Fußschaltung
AntriebKetteKetteKetteKette
StarterKickstarterKickstarter, E-StarterKickstarter, E-StarterKickstarter, E-Starter