Helmut Dähne startet zur „Lap of Honour“ auf der Isle of Man

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Nach den spektakulären Tourist Trophy Rennen auf der Isle of Man im Juni steht die Insel noch bis zum 30. August 2016 erneut im Fokus der Motorradfans aus aller Welt. Bei der aktuellen Classic TT werden nicht die jüngsten Titelgewinne, sondern die spektakulärsten Erfolge der Vergangenheit gefeiert. Denn vor 40 Jahren gewannen Helmut Dähne und Hans Otto Butenuth die Production TT auf einer BMW R 90 S in der 1.000-Kubikzentimeter-Klasse. Insofern ein idealer Anlass beim diesjährigen Treffen der Legenden ins Jahr 1976 zurückzublicken. Seitdem gehören Dähne und der 1997 verstorbene Butenuth zum exklusiven Kreis jener Fahrer, die sich beim weltweit ältesten, anspruchsvollsten und zugleich risikoreichsten Straßenrennen für Motorräder in die Siegerlisten eintragen konnten. Im Rahmen der Classic TT 2016 kehrt der inzwischen 71 Jahre alte Helmut Dähne an die Stätte seines großen Triumphs zurück. 40 Jahre nach seinem Sieg fährt er erneut mit der BMW Rennmaschine von einst über die Isle of Man – diesmal auf einer „Lap of Honour“, weniger rasant als 1976, doch zweifellos erneut vom Applaus eines begeisterten Publikums begleitet.

Dähnes Jubiläumsfahrt am Montag, 29. August 2016, ist das Highlight des Auftritts der BMW Group Classic im Tourist-Trophy-Fahrerlager neben dem Grandstand in der Inselhauptstadt Douglas sowie beim Festival auf dem Flugplatz von Jerby. Auf einer großen Ausstellungsfläche können Motorsportfans nicht nur das siegreiche Boxermotorrad von 1976, sondern zahlreiche weitere BMW Rennmaschinen mit TT-Historie besichtigen. Die Auswahl reicht von einer BMW R 5 SS aus dem Jahr 1937 über eine BMW R 51 von 1939 bis zur BMW RS 54, die 1954 als Wettbewerbsmotorad konzipiert wurde und schon damals ein Höchsttempo von mehr als 200 km/h erreichte.

Helmut Dähne
Helmut Dähne beim Schottenring-Classic GP 2014 (Quelle: Nippon Classic.de)

Helmut Dähne – Rennfahrer, Reifenfachmann, Rekordhalter.

In einer Sonderausstellung zu Ehren von Helmut Dähne werden außerdem zahlreiche Trophäen, Bilddokumente und weitere Erinnerungsstücke aus seiner beeindruckenden Rennsportkarriere gezeigt. Der gebürtige Bayer war mehr als 40 Jahre lang im Rennsport aktiv. Im Alter von 17 Jahren absolvierte er erste Slalom-Rennen, kurz darauf startete er bei Motocross-Wettbewerben. 1968 war Dähne erstmals bei einem Straßenrennen erfolgreich. In der Folgezeit gewann er 15 Deutsche Meistertitel im Motorrad-Seriensport. Insgesamt absolvierte Helmut Dähne 383 Rennen, von denen er 131 gewann, bevor er im Jahr 2006 seine Laufbahn beendete. In die Geschichtsbücher des Motorrad-Rennsports trug sich Dähne nicht zuletzt mit seiner Rekordfahrt auf der Nordschleife des Nürburgrings ein. 1993 umrundete er den Kurs in 7:49,71 Minuten – einer Fabelzeit, die seit dem Umbau der Strecke nicht mehr unterboten werden kann und daher als „ewiger“ Rundenrekord für Motorräder gilt.

Helmut Dähnes beruflicher Werdegang begann mit einer Ausbildung zum Kfz-Mechaniker bei BMW. In der Motorrad-Rennabteilung des Unternehmens war er anschließend an der Wartung und Instandsetzung der legendären Königswellen-Motoren für den Kundensport beteiligt. Darüber hinaus spezialisierte er sich auf Zuverlässigkeitsfahrten und entwickelte zu Beginn der 1970er-Jahre Rennmaschinen auf der Basis der BMW R75/5. 1972 startete Dähne mit einem derartigen Motorrad beim 200-Meilen-Rennen im italienischen Imola. Auch die 1973 vorgestellte BMW R 90 S, das erste Superbike der Marke, geriet frühzeitig in die Hände des talentierten Mechanikers und Fahrers. Mit Vollverkleidung, Stummellenker, zurückgelegten Fußrasten, kurzer Höckersitzbank und einem um 9 auf 76 PS verstärkten Boxermotor erreichte seine Maschine deutlich mehr als 200 km/h. Bei zahlreichen Rennen fiel Dähne fortan mit seinem eleganten Fahrstil und schnellen Runden auf – und mit der roten, von weißen Streifen gezierten Lederkombi, die nun zu seinem Markenzeichen wurde.

BMW R 90 S
Heute eine Legende: die BMW R 90 S von 1973 (Quelle: BMW Group)

Den kräftigen Boxer-Motorrädern von BMW blieb Dähne treu, als er 1974 als Renndienstleiter zum Reifenhersteller Metzeler wechselte. Dort trieb er die Entwicklung von Reifen für schnelle Straßenmotorräder und den Seriensport voran. Dähne war Test- und Rennfahrer in Personalunion. Dazu gehörte auch sein Engagement bei der Tourist Trophy auf der Isle of Man, wo er bereits 1972 erstmals angetreten war. Bis 1994 absolvierte Helmut Dähne insgesamt 26 Tourist-Trophy-Rennen, in manchen Jahren gleich mehrere pro Veranstaltung. Zur TT-Legende wurde er mit dem Sieg 1976, in den Jahren 1984 und 1986 verpasste er als jeweils Zweiter die Wiederholung des Triumphs nur knapp.

Die Tourist Trophy – seit 1907 die größte Herausforderung im Motorrad-Rennsport.

„Die Tourist Trophy ist mit einem herkömmlichen Rennen auf einer permanenten Rundstrecke in keiner Weise zu vergleichen“, sagt Helmut Dähne. Die 60,725 Kilometer lange Strecke des „Snaefell Mountain Course“ besteht aus abgesperrten Landstraßen – mit Vorgärten anstelle von Kiesbetten und Bordsteinen statt Fangzäunen am Rand. Die Teilnehmer fahren mit Höchstgeschwindigkeit durch Ortschaften, entlang an Feldern und Wiesen, bergauf und bergab durch Wald- und Küstenlandschaften.

Schon 1907 wurde auf der Isle of Man das erste Motorrad-Rennen ausgetragen, damals noch auf einer nur 25 Kilometer langen Strecke, die zehnmal zu umrunden war. Der bis heute befahrene „Snaefell Mountain Course“ wird seit 1911 von den Motorrad-Rennfahrern genutzt. Anders als die Streckenführung wurden das Reglement und die Wertungsklassen im Laufe der Jahrzehnte verändert. So gehört beispielsweise die in mehrere Hubraumklassen aufgeteilte Kategorie der Production TT inzwischen nicht mehr zum Programm. Neben den Gespann-Wettbewerben stehen heute vor allem die Rennen der Superbike TT, der Superstock TT und der Senior TT für Solo-Fahrer im Mittelpunkt der Veranstaltung.

Das Erfolgsrezept von 1976: Furiose Fahrt und kurze Tankstopps.

Mit seinem auf dem Nürburgring erworbenen Knowhow und den Vorkenntnissen, die er bei seinen bis dahin fünf Teilnahmen an TT-Rennen gesammelt hatte, konnte Helmut Dähne bereits umfangreiche Erfahrungen im Langstreckenrennsport vorweisen, als er Ende Mai 1976 erneut zur Isle of Man aufbrach. Auch seine in der serienmäßigen Farbe Daytona Orange lackierte BMW R 90 S schien bestens präpariert – um fast 30 Kilogramm leichter als die Straßenversion, mit weicheren Federn bestückt und mit diversen Modifikationen am Motor versehen. Hinzu kam ein schlagkräftiges Team, bestehend aus dem Mechaniker Helmut Bucher und dem zweiten Fahrer Hans Otto Butenuth. Auch der gebürtige Dortmunder brachte reichlich Rennsport-Routine mit. Für die Rolle des Co-Piloten qualifizierte ihn zudem, dass er sowohl mit der BMW als auch mit der Strecke auf der Insel vertraut war. „Ich wusste, Hans Otto war der Richtige dafür“, erinnert sich Dähne.

Helmut Dähne
Helmut Dähne mit der R 90 S bei der TT auf der Isle of Man 1976 (Quelle: BMW Group)

Butenuth legte auf der BMW R 90 S sogleich eine tadellose Trainingsrunde hin. Dähne hatte hingegen mit technischen Schwierigkeiten zu kämpfen. Am rechten Zylinder löste sich der eingeschraubte Ansaugstutzen. Mit einem Zwei-Komponenten-Kleber wurde das Problem gelöst. Wenig später war sogar eine komplette Motorrevision fällig, die das Trio mit vereinten Kräften und dank eines mitgeführten Ersatzantriebs bewältigen konnte. Als dann noch die erneute Instabilität des Ansaugstutzens in einer weiteren Sonderschicht und mit Hilfe einer flexiblen Vergaser-Aufhängung dauerhaft beseitigt werden konnte, glaubte die Crew bereits, endgültig alle Widrigkeiten überwunden zu haben. „Wir waren Trainingsschnellste“, so Dähne, „und ich rechnete mir fürs Rennen echte Siegchancen aus.“ Doch dann kam der Regen. Mehrfach wurde der Start verschoben, was gut war für das BMW Team, denn Dähnes neuer Arbeitgeber hatte zu damaliger Zeit noch keine Regenreifen im Programm.

Als das Rennen schließlich gestartet werden konnte, waren die Wetterbedingungen ideal. Zehn Runden mit insgesamt mehr als 600 Kilometern auf dem „Snaefell Mountain Course“ lagen nun vor den Teilnehmern. Und Dähne ging sofort in Führung. Seine BMW R 90 S war so schnell wie erhofft und vor allem in den zahlreichen Kurven des Inselkurses den meisten Konkurrenten deutlich überlegen. Nach drei Runden stand der erste Tankstopp samt Fahrerwechsel bevor. Jetzt zückte das BMW Team einen weiteren Joker. In Eigenregie hatte das Trio eine Schnelltankanlage entwickelt, die das Auffüllen des Kraftstoffvorrats wesentlich beschleunigte. Mit einem Rückstand von 30 Sekunden fuhr Dähne an die Box, mit zehn Sekunden Vorsprung nahm Butenuth das Rennen wieder auf. Und da auch die beiden weiteren Zwischenstopps reibungslos gelangen, war den beiden Fahrern der Erfolg nicht mehr zu nehmen. Sie beendeten das Rennen der Production TT als Sieger der 1000-Kubikzentimeter-Klasse und als Fünftplatzierte der Gesamtwertung. „Und dass bei der TT 1976 Rolf Steinhausen und Josef Huber für BMW auch noch die 500er-Klasse der Gespanne gewinnen konnten, machte den BMW Erfolg schließlich so richtig rund“, resümiert Helmut Dähne heute.

BMW und die Tourist Trophy: Mit „Schorsch“ Meier begann die Erfolgsgeschichte.

Mit ihrem Sieg bei der Production TT im Jahre 1976 wandelten Dähne und Butenuth als erste BMW Solo-Fahrer erfolgreich auf den Spuren von Georg Meier. Ihm war es bereits im Jahr 1939 als erstem nicht aus Großbritannien stammenden Fahrer gelungen, einen Titel bei der Tourist Trophy zu erringen. Auf einer BMW Rennmaschine, deren 500 Kubikzentimeter großer Boxermotor mit Königswellen und Kompressor-Aufladung 60 PS mobilisierte und eine Höchstgeschwindigkeit von mehr als 220 km/h ermöglichte, gewann „Schorsch“ Meier die Senior TT auf der Isle of Man. Der Brite Jock West machte als Zweitplatzierter den Doppelerfolg für BMW perfekt.

In der Zeit danach war BMW vor allem im Gespannrennsport auch bei der Tourist Trophy siegreich. Zwischen 1955 und 1976 gingen 28 Rennerfolge an Gespanne, die von BMW Motoren angetrieben wurden. Dagegen dauerte es 37 Jahre bis zum nächsten Solo-Sieg durch das BMW Team um Helmut Dähne. Und auch danach vergingen zwei Jahrzehnte, bevor BMW erneut zu einem Triumph auf der Isle of Man beitragen konnte. In den Jahren 1997, 1998 und 1999 gelangen dem Briten Dave Morris mit einem vom Chrysalis Racing Team entwickelten Motorrad, das vom Einzylinder-Motor der BMW F 650 angetrieben wurde, drei Siege in Folge bei der Singles TT.

Noch einmal 15 Jahre später begann beim berühmtesten Motorradrennen der Welt die Siegesserie des Nordiren Michael Dunlop und seiner BMW S 1000 RR. Im Juni 2014, exakt 75 Jahre nach dem legendären Erfolg von Georg Meier, krönte Dunlop seine herausragende Leistung auf dem Vierzylinder-Superbike von BMW mit dem Triple bei der Tourist Trophy. Er gewann die Rennen der Superstock TT, der Superbike TT und der Senior TT. Und auch bei der jüngsten Auflage der Tourist Trophy dominierte die BMW S 1000 RR die Rennen in der 1000-Kubikzentimeter-Klasse. Michael Dunlop siegte in der Superbike TT, der Brite Ian Hutchinson sicherte sich Platz eins in der Superstock TT. Und bei der Senior TT gelang den beiden BMW Fahrern ein Doppelsieg mit Rang eins für Dunlop und Rang zwei für Hutchinson. Dabei fuhr Dunlop zudem die schnellste jemals auf dem „Snaefell Mountain Course“ absolvierte Rennrunde, in der er mit einem Durchschnittstempo von 215,6 km/h unterwegs war.

BMW R 90 S
Boxermotor der BMW R 90 S von 1973 (Quelle: BMW Group)

 

(Quelle: BMW Group)

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