Die Dakar-Motorräder der Südamerika-Rallye 2018

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Die Rallye Dakar gehört zu den anspruchsvollsten Langstrecken-Rallys der Welt und stellt höchste Anforderungen an Mensch und Material. In Zeiten als die härteste Rallye von Paris bis zur senegalesischen Hafenstadt Dakar führte, setzten die großen Motorradhersteller auf hubraumstarke Dakar-Motorräder, die speziell für die extremen Bedingungen der Wüsten-Rallye konstruiert wurden.

So entwickelte die Honda Racing Corporation (HRC) Mitte der 1980er Jahre die 65 PS starke Honda NXR 750 V mit wassergekühlten Zweizylinder-Motor und 779 ccm Hubraum. Yamaha setzte als Dakar-Motorrad auf die XT 600 Z Ténéré, später die YZE 750 mit bulligem Parallel-Twin mit 75 PS und stolzen 190 Kilogramm Gewicht erfolgreich ein. Beide Hersteller beherrschten die Rallye-Veranstaltung damit über eine lange Zeit.

Rallye Dakar
Honda NXR750 (Quelle: Rainmaker47, CC-BY-SA 4.0)

30 Jahre später findet die Rallye Dakar nicht mehr in Europa und Afrika statt, sondern führt durch anspruchsvolles wie abwechslungsreiches Terrain Südamerikas. Neben dem geänderten Austragungsort der Dakar wandelten sich in den letzten Jahren auch die eingesetzten Motorräder, weitere Marken, allen voran KTM, mischen längst erfolgreich mit. Das im Automobilbau übliche „Downsizing“ hat auch im Rallye-Sport Einzug gehalten und die heute bei der Rallye eingesetzten Dakar-Motorräder kommen mit 450 ccm Hubraum locker aus. Mit dem Hubraum schrumpfte auch das Gewicht der aus dem Endurosport abgeleiteten Dakar-Motorräder. An Leistung mangelt es ihnen hingegen nicht.

Wir nutzen die aktuelle Verschnaufpause in La Paz und schauen uns die aktuellen „Arbeitsgeräte“ der Dakar-Champions einmal genauer an.

Yamaha WR450F 2018 Rally

Die Yamaha basiert auf der Enduro WR450F-Plattform und nicht, wie man vielleicht vermuten sollte, auf der jüngst vorgestellten Yamaha Ténéré 700 World Raid.

Rallye Dakar
Yamaha WR450F EnduroGP bildet die Basis des Dakar-Motorrades (Foto: Yamaha Motor Europe)

An der WR450 wurden etliche Anpassungen für den Einsatz bei Langstrecken-Rallys vorgenommen, um das robuste Ursprungsmodell zu einem echten Dakar-Herausforderer werden zu lassen. Für die langen Marathon-Etappen bei zeitweise extremer Hitze in den Wüsten besitzt die Yamaha WR450F Rally deshalb einen üppigen 33 Liter-Kraftstofftank und ein größeres Kühlsystem im Vergleich zur Enduroversion. Um eine neutrale Fahrposition zu erreichen platzierte das Yamalube Yamaha Rally-Team die zusätzlichen Treibstofftanks seitlich hinten, so dass sich der Fahrer weiterhin frei bewegen kann.

Yamaha WR450F Rallye
Dakar-Motorrad Yamaha WR450F Rallye (Foto: Photos-ad.com / Yamaha Motor Europe)

Das Fahrwerk der Yamaha WR450F Rally basiert auf dem stabilen Aluminiumrahmen WR450 Enduro und verfügt über eine um zwei Zentimeter verlängerte Schwinge, um zusätzliche Stabilität bei hohen Geschwindigkeiten zu gewährleisten. Eine übergroße 300 mm Bremsscheibe vorn, die insbesondere bei höheren Geschwindigkeiten für die notwendige Verzögerung sorgt. Für längere Federwege bekam das Dakar-Motorrad eine BOS-Upside-Down-Vordergabel und hinten einen von KYB Factory entwickelten Dämpfer.

Yamaha WR450F Rallye
Die Schwinge der Yamaha WR450F Rallye wurde verlängert (Foto: Yamaha Motor Europe)

Bei der Entwicklung konzentrierten sich die Yamalube-Ingenieure darauf eine höhere Leistungsabgabe mit extremer Zuverlässigkeit über lange Strecken zu kombinieren. Für mehr Leistung und einen kraftvollen, linearen Drehmomentverlauf wurden einige Modifikationen am Motor vorgenommen und ein Akrapovic-Titan-Auspuff verbaut. Eine Maximalleistung von 60-65 PS – hier hält sich Yamaha dezent zurück – dürfte durchaus realistisch sein.

Yamaha WR450F Rallye
Die Leistung der WR450F Rallye liegt zwischen 60-65 PS (Foto: Photos-ad.com / Yamaha Motor Europe)

Der zusätzliche Fokus auf einer Gewichtsoptimierung an jedem Teil der WR450F zahlte sich aus. Trocken kommt die WR450F Rallye auf ein Gewicht von nur 142 Kilogramm. Ein charakteristisches Merkmal ist die hoch bauende Navigationseinheit, bestehend aus GPS und Roadbook für die Fahrernavigation, die sich hinter den vier extrem leuchtstarken Front-Scheinwerfern und einer Plexiglas-Verkleidung „versteckt“.

Yamaha WR450F Rallye
Vor dem Fahrer thront die Navigationseinheit (Foto: Photos-ad.com / Yamaha Motor Europe)

Die für die Dakar 2018 aktualisierte WR450F Rally wird von den Yamalube Yamaha Official Team Fahrern Xavier de Soultrait, Adrien Van Beveren, Franco Caimi und Rodney Faggotter eingesetzt.

Yamaha WR450F Rallye
Das Yamalub Yamaha Racing Team (Foto: Yamaha Motor Europe)

Für Privatfahrer bietet Yamaha Motor Europe in Zusammenarbeit mit Rally Raid Parts und dem Zubehörhersteller DRAG’ON die offizielle Yamaha WR450F Rally Replica zum Kauf an. Aber auch andere Anbieter, wie RebelXsports, bieten eigens entwickelte Umbau-Kits für rund 6.000 Euro an. Ein „Ready to Race Rally Bike“ kostet bei Rebel komplett ca. 14.000 Euro.

Honda CRF450 Rally

Auch das HRC Team setzte bei der Entwicklung der CRF450 RALLY auf ein kommerzielles Wettbewerbs-Enduro-Modell. 2013 kehrte Honda Racing mit einem ersten Prototyp in die Dakar-Rallye zurück und entwickelte die CRF450 Rally über die vergangenen Jahre kontinuierlich weiter.

Honda CRF450 Rallye
Die CRF450 RALLY auf ein kommerzielles Wettbewerbs-Enduro-Modell (Quelle: Honda Racing Corp.)

Die aktuelle Ausbaustufe mit dem inzwischen üblichen Hubraum von 450 ccm leistet 62 PS. Der Tank gerät mit 33,7 Liter Fassungsvermögen nur geringfügig größer als bei der Yamaha. Und mit 960 Millimeter Sitzhöhe dürfte die Dakar-Honda ein Schreckgespenst für jeden Fahrer unter 1,80 Meter sein.

Honda CRF450 Rallye
Die Honda CRF450 Rallye ist für kleine Fahrer eine Herausforderung (Quelle: Honda Racing Corp.)

Die Rally-Version Honda CRF450 Rally entstand komplett in Handarbeit und ist so nicht frei auf dem Markt erhältlich. Rund 500.000 Euro dürfte die enorme Entwicklungsarbeit der Dakar-Maschine verschlungen haben.

KTM 450 Rallye

Auch Dakar-Primus KTM – seit 2001 bei der Südamerika-Rallye ungeschlagen – tritt in diesem Jahr mit einem neuen Dakar-Motorrad an, in dem fast zwei Jahre Entwicklungsarbeit stecken.

Dakar-Motorräder
KTM 450 Rallye (Foto: Future7Media / KTM)

Anders als Yamaha setzt die österreichische Motorradmarke auf einen Gitterrohrrahmen, der für die 2018er Saison geändert wurde.

Husqvarna FR 450 Rally
KTM 450 Rallye und Husqvarna FR 450 Rally haben einen Gitterrohrahmen (Quelle: Husqvarna)

Im Vergleich zum Vorgängermodell hat KTM für die Dakar 2018 den Schwerpunkt etwas nach unten verlagert und die Verkleidung aerodynamischer gestaltet. Die Federung können die KTM-Piloten nun mittels Einstellräder anpassen, denn ein vollgetanktes Bikes hat eine andere Gewichtsverteilung als kurz vor dem nächsten Tankstopp, bei dem rund 35 Liter neuer Kraftstoff in die Tanks fließen.

KTM 450 Rallye
Für die Dakar 2018 wurde die KTM 450 Rallye gründlich überarbeitet (Quelle: Redbull Contentpool)

Für das Dakar-Motorrad modifizierte KTM den aus der 450 EXC-F SIX DAYS stammenden Motor, der mit 63,5 mm einen größeren Hub als die japanischen Dakar-Modelle mitbringt. Dass KTM bislang die Nase bei der Rallye Dakar vorn hat, liegt auch an dem 449,3 ccm messenden 4-Ventil-SOHC-Motor, der mit fast 70 PS bei 7.500 U/min und 52,5 Nm maximalem Drehmoment der Konkurrenz das Fürchten lehrt. Eine handgefertigte Akrapovic-Auspuffanlage gehört zur KTM 450 Rallye ebenfalls dazu.

KTM 450 Rallye
Der KTM-Motor gilt als Primus der Dakar-Maschinen (Quelle: KTM)

Husqvarna setzt das baugleiche Motorrad ebenfalls bei Dakar 2018 ein.

Dakar-Motorräder
Husqvarna FR 450 Rally enstpricht der KTM (Quelle: Husqvarna)

Darüber hinaus gibt es eine offizielle KTM 450 Rallye Replika für ca. 24.000 Euro bei KTM-Händlern erhältlich. Ein Service- und Supportpaket ist bei der Rallye Dakar gegen eine zusätzliche Gebühr erhältlich.

KTM 450 Rallye Replika
Die KTM 450 Rallye Replika gibt es für einen Mittelklassewagen (Quelle: KTM)

Technische Daten der Dakar-Motorräder

  Yamaha WR450F RallyeKTM 450 RallyeHonda CRF450 RallyHusqvarna FR 450 Rally
Motordaten
Motortyp1-Zylinder, 4-Takt1-Zylinder, 4-Takt1-Zylinder, 4-Takt1-Zylinder, 4-Takt
Hubraum449 ccm449,3 ccm449,4 ccm449,9 ccm
Bohrung97 mm95 mm97 mm94 mm
Hub60,8 mm63,4 mm60,8 mm63,5 mm
EinspritzungTCIKeihin FCR MX 41PGM-FIPGM-FI
Verdichtungsverhältnis12,5:111,8:1n/an/a
StarterElektro- und KickstarterElektrostarterElektrostarterElektrostarter
Leistung>60 PS70 PS62 PS65 PS
Maße
Länge2185 mmn/a2183 mm2261 mm
Radstand1485 mm1.482 mm1482 mm1476 mm
Gesamthöhe1290 mmn/a1274 mm1274 mm
Sitzhöhe975 mm980 mm960 mm927 mm
Bodenfreiheit325 mm355 mm325 mm290 mm
Federweg vorn310 mm300 mm310 mm312 mm
Federweg hinten318 mm310 mm315 mm310 mm
Tankvolumen33 Liter35 Liter33,7 Liter33 Liter
Gewicht162 Kg145 Kg150 Kg151 Kg
Räder/Bremsen
Rad vorn90/90-211.60 x 2180/100-2190/90-17
Rad hinten140/98-182.50 x 18120/80-19140/90-17
Bremse vornScheibe 290 mmScheibe 300 mmScheibe 300 mmScheibe 310 mm
Bremse hintenScheibe 245 mmScheibe 240 mmScheibe 240 mmScheibe 220 mm

Fazit

Die Dakar-Motorräder von heute rücken technisch näher zusammen. Gleiche, auf 450 ccm geschrumpfte Hubräume, ähnliche Leistungswerte, Maße und Anbauteile zeigen wie sich die Hersteller gegenseitig beäugen. Moderne, wie zuverlässige Einspritzanlagen, Motormodifikationen und handgefertigte Auspuffanlagen machen große Brennräume inzwischen überflüssig.

Dakar-Motorräder
Die Dakar-Motorräder liegen in Sachen Leistung dicht beieinander (Quelle: Husqvarna)

Die Replikas bieten Privatfahrern ohne Werksunterstützung eine bezahlbare Teilnahme an der härtesten Langstrecken-Rallye, ohne eigens ein Motorrad aufbauen zu müssen. Mit Anschaffungskosten, Logistik und dem Service vor Ort ist „bezahlbar“ aber relativ zu sehen. Andererseits sind die Rallye-Replikas von Yamaha und KTM aber auch ein Indiz in Richtung weiterer Kommerzialisierung des Motorsports. Mit 167 Fahrern in der Motorrad-Kategorie ist die Dakar 2018 abermals um weitere Teilnehmer angewachsen (2016 waren 136 Motorräder am Start).

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