Yamaha TX 750 – die sanfte Form des Harakiri

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Mit reichlich Vorschusslorbeeren vom Pariser Salon und ersten Testfahrten in den USA bedacht, kam die Yamaha TX 750 im Jahr 1973 bei uns auf den Markt. Siegessicher freute sich Yamaha leider zu früh, denn schnell stellte sich heraus, dass der TX 750 Motor bei hohen Drehzahlen sich als nicht standfest erwies. Viele TX-Fahrer trieben kapitale Motorschäden zurück in die Werkstatt. Der langjährige Motorenkonstrukteur und –restaurator Fritz Müller bringt die „sanfte Form des Harakiri“ auf den Punkt.

Fehlende Zeit und Erfahrung

Rein technisch gesehen ist die Yamaha TX 750 ein Desaster auf zwei Rädern und wird es auch bleiben. Nichts war schlimmer als der Gedanke mit einer TX unterwegs zu sein und nicht zu wissen, ob man überhaupt nachhause kommt. Eigentlich möchte man sich ja auf sein Motorrad verlassen können.

Für die damals betroffenen Yamaha-Ingenieure war es ein Himmelfahrtskommando, die den Entschluss der Konzernleitung für einen Konkurrenten zur Honda CB 750 Four umsetzen sollten. In einer viel zu kurzen Entwicklungszeit und bar jeglicher Erfahrung, was denn für haltbare Motoren die notwendigen technischen Grundlagen sind, machten sie sich ans Werk. Hinzu kamen hochfliegende, idealistische und perfektionistische Ideen für die kettengetriebenen Ausgleichswellen, Gleitlagerung, Interferenzrohr und das Ölpumpenkonzept.

Yamaha TX 750
Zeitdruck und fehlende Erfahrungen führten zum TX 750 „Harakiri“ (Quelle: Alfred Pech)

Rückblickend kann man nur über den Mut und die technische Unbedarftheit den Kopf schütteln, denn ich konnte 1986 der Entwicklung des BMW Boxers R259 beiwohnen. Da ich damals in der BMW-Entwicklungsabteilung meine Diplomarbeit machte und bei  Diplombetreuer Heinz Hege im selben Raum den Motor konstruierte. Meine Güte, was hat der Heinz sich damals den Kopf zerbrochen damit er kühlende Luft zwischen die Kerzenstege über den Brennraum durch bekam. Es bedurfte einiger Anläufe dazu.

Die Mixtur der Kopien

Bei der Motorenkonstruktion für die Yamaha TX 750 orientierte sich das Yamaha-Team an den damaligen englischen Zylinderköpfen der Triumph, welche eine ideale Kühlung ermöglichten. Auf diese Köpfe hat man die Nockenwellenlager der Honda „drauf kopiert“ und sogar recht dreist das Design des Honda-Deckels abgekupfert. Und genau davor – vor diesen idealen Kühlluftkanal im Zylinderkopf – platzierten die Macher das Interferenzrohr der TX750.

TX 750
Das Interferenzrohr sorgte für thermische Probleme des Motors (Foto: Richard Metzger)

Die Folgen dieser Fehlkonstruktion sind ja hinlänglich bekannt. Gut gemeint, aber sehr naiv, haben sie genommen, was gut ist, um es dann alles zusammen in einen Topf zu schmeißen. Diese „Denke“ war sehr verbreitet und niemand hinterfragte, warum etwas an einer bestehenden Konstruktion gut ist. Es ist einzeln gut, also muss es zusammen auch gut sein. Japanische Logik. Nicht Gutes selbst erdenken, sondern Gutes zu kopieren. Das sparte Zeit.

TX 750
Viele TX 750 Besitzer bauen das Interferenzrohr aus (Quelle: Alfred Pech)

Aber es erspart keine Probleme. Und Yamaha lernte das Wort Rückrufaktion als Lebenszustand kennen. Die TX 750 war eine rollende Rückrufaktion. Man hat das geschafft, was in Japan nicht mal gedacht werden durfte. Es wurde unter dem Namen Yamaha ein Projekt in Serie genommen, das sich als absolute Fehlkonstruktion entpuppte. Beruflich dürften diejenigen, welche die TX 750 in Japan entwickelt hatten, einen Fensterplatz erhalten haben. Denn in Japan sitzen alle, welche beruflich „verbannt“ sind oder in Rente gehen, am Fenster mit dem Blick nach draußen.

Mit vier Leuten in zwei Jahren am Brett so ein Ding „serienreif“ machen zu wollen, ist die sanfte Form des Harakiri.

Die Konstruktionsfehler des TX 750 Motors

So ansprechend der Motor optisch sein mag, im Inneren ist er eine massive Fehlkonstruktion, da motorische Grundregeln massiv verletzt wurden.

  • Das Interferenzrohr wurde mitten in den Luftkühlkanal gelegt.
  • Die Ölpumpe gehört so nahe wie möglich in den Sumpf und sollte nicht leerlaufen.
  • Der Ölfilter ist missraten.
  • Das Motoröl geht verworrene Wege im Lagerbock der Nockenwelle und kommt nicht immer beim Nockenwellenlager an, da bei einigen Lagerböcken eine Positions-Hülse die Ölbohrung verschließt.
  • Die Lagerdurchmesser der Nockenwelle sind unterdimensioniert.
  • Zwischen Ventil und Kipphebelende gibt es eine viel zu hohe Flächenpressung.
  • Das Sperrventil für den Rücklauf neigte zum Klemmen.
  • Der Balancer „pantscht“ im Ölsumpf und die Kette neigte zum Längen.
  • Der Anlasserfreilauf – eine Kopie von Honda – ist missraten.
TX 750
Die Ölversorgung und Nockenwellenlagerung erwies sich als problematisch (Quelle: Alfred Pech)

Ungeachtet der konstruktiven Mängel bleibt die Yamaha TX 750 ein charmantes Kind der 1970er-Jahre, mit dem sich der führende Zweitakthersteller in das für ihn unbekannte Terrain der Viertakt-Motorräder wagte. Yamaha hatte aus den Fehlern gelernt und zog für spätere Viertaktkonstruktionen auch schon einmal Hilfe von außen hinzu.

 

[Autor und Ideegeber Fritz Müller entwickelte über 20 Jahre lang Motoren und Motorkomponenten für namhafte Hersteller. Privat befasste er sich lange Zeit mit der TX 750]

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