Yamaha RD 350 – Zweitakt-Rakete und Jugendtraum

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Vom Rennsport zum Jugendtraum der 70er Jahre

Mitte der 60er Jahre war der japanische Motorradhersteller Yamaha dank innovativer Ideen und unerreichter Fertigungsqualität mit seinen luftgekühlten Zweizylinder-Zweitakt Rennmaschinen im Motorradsport führend. Konsequent wurde damals die Vermarktung dieser Rennkompetenz in der Großserienproduktion umgesetzt. Wenige Jahre später beherrschte das einst als Musikinstrumentenhersteller gegründete Unternehmen aus Hamamatsu den Markt für Straßenmotorräder mit Zweitaktmotoren. Zum Erfolg führte damals die einzigartige Kombination aus den im Rennsport bewiesenen Fahreigenschaften mit einer Zuverlässigkeit und Alltagstauglichkeit, die in dieser Form neu war. Seit dieser Zeit produzierte Yamaha neben den Viertelliter-Maschinen, immer parallel auch ein etwas größeres Modell, traditionell mit 350 ccm Hubraum.

Entwicklungsgeschichte der RD 350

Die Ursprünge gehen auf die YR1 350 von 1967 zurück, auf die 1970 die Yamaha R5 folgte – quasi der Vorläufer der RD350. Die Yamaha R5 wurde nur bis 1972 verkauft, kündigte aber optisch und technisch bereits den Übergang zur legendären „RD“ an, die parallel zu ihrer kleineren Schwester 1973 vorgestellt wurde.
Hatte die kleinere RD 250 im Viertelliter-Segment nur wenig Konkurrenz, sah die Situation bei der „großen Schwester“ anders aus: Sie trat immerhin gegen Motorräder an, die einen halben Liter Hubraum, und damit auch deutlich mehr Leistung hatten. Hervorzuheben sind hier besonders die Honda CB 500 Four mit 48 PS, sowie die H1 500 von Kawasaki, die mit ihrem Dreizylinder-Zweitaktmotor immerhin 59 PS leistete. Beide Wettbewerber waren aber zur Markteinführung der Yamaha RD 350 gut 1.000 Mark teurer und bauartbedingt erheblich schwerer. Die Kawasaki war zudem deutlich schwerer zu beherrschen und eher für geübte Fahrer geeignet.

Traditionell wurden von der 350er nie besonders große Stückzahlen verkauft. Der Hauptgrund lag seinerzeit sicher in den höheren Kosten bei Anschaffung und Unterhalt. Alleine die Versicherungskosten waren bei der 350er doppelt so hoch wie bei der 250er.

Unterschiede gab es bei beiden Klassikern zunächst auch nur beim Motor. Erst Mitte der 70er Jahre erhielt die Yamaha RD 350 auch eine stärkere Differenzierung von den kleineren 250er. Streng genommen endet die Geschichte der RD350 aber an diesem Punkt, da Yamaha den Hub der Zylinder erhöhte und aus der RD 350 die RD 400 wurde. Auch diese Änderung brachte nicht die erhoffte Steigerung der Verkaufszahlen. Erst mit der RD 350 LC besann man sich 1980 wieder auf gewohnte Maße.

Dennoch sollte aber erst mit dem Wechsel des Jahrzehnts, als Yamaha beschloss, bei seinen Zweitaktern künftig auf Wasserkühlung zu setzen, die Ära dieses leistungsstärksten luftgekühlten RD-Zweitakter endgültig vorbei sein.

Der RD 350 Motor – ultramodern, robust, stark und drehfreudig

Herzstück der Yamaha RD 350 bildete ein 349 ccm großer, luftgekühlter Zweizylinder-Zweitaktmotor (Bohrung 64 mm x Hub 54 mm) mit einem horizontal geteilten Motorgehäuse. Yamaha-typisch besaß die Maschine die „AutoLube“ Getrenntschmierung mit separatem Öltank, denn im Hauptabsatzmarkt USA war eine Mischungsschmierung völlig unbekannt.
Auch die RD 350 bekam im Gegensatz zur Vorgängerin R5 die „Torque Induction“ genannte Kraftstoff-Steuerung durch Membranventile an der Ansaugseite des Einlasstraktes, eine Bauweise, die Yamaha aus der Enduroproduktion übernahm. Die Motorsteuerung kennzeichneten darüber hinaus sieben Spülkanäle (R5: 5 Schlitze). Im Ergebnis führten diese Maßnahme zu mehr Drehmoment im mittleren Drehzahlbereich, eine erhöhte Elastizität des Motors bei einem breiter nutzbaren Drehzahlband sowie verbesserte Abgaswerte.

Die Yamaha RD 350 brachte es auf 39 PS Leistung bei 7.500 U/min und ein maximales Drehmoment von 37,3 Nm. Immerhin erreichte das vollgetankt nur 158 kg schwere Leichtgewicht eine Höchstgeschwindigkeit von bis zu 175 km/h. Um das Kraftpaket zum Leben zu erwecken, genügte ein beherzter Tritt auf den Kickstarterhebel. Mit lautem Gebrüll legte die Maschine einen raketenhaften Start hin und erreichte nach 5,5 Sekunden die magische Grenze von 100 km/h.
Die Kraftübertragung vom leichtgängigen 6-Ganggetriebe zum Hinterrad übernahm eine Rollenkette, die aber recht wartungsintensiv war, mangelte es ihr doch an ausreichendem Schutz vor Nässe und Staub.

Längst zum führenden Zweitakthersteller aufgestiegen, erhöhte Yamaha 1976 den Kolbenhub von 54 auf 62 mm und damit den Hubraum des Motorrads auf 398 ccm. Das brachte zwar nur eine Leistungssteigerung auf 42 PS. Die Maximalleistung lag aber nun bereits bei 7000 U/min an. In der Charakteristik hatte die „neue“ RD 400 auch erheblich mehr Durchzug. Die Höchstgeschwindigkeit wurde dafür nur noch mit 162 km/h angegeben, was sicher dem höheren Gesamtgewicht (vollgetankt 176 kg) geschuldet ist. Tests ergaben eine „reale“ Höchstgeschwindigkeit von 170 km/h.

Der Kraftstoffverbrauch lag auf der Landstraße zwischen 6 und 7 Litern Normalbenzin / 100 km, drehte man die Gänge aber aus, konnten der Verbrauch durchaus auf knapp 10 Liter steigen. Mit 16,5 l Tankinhalt war also immerhin eine Reichweite von 200 – 250 km realistisch.

Fahrwerk und Bremsen der Yamaha RD

Auch bei der größeren Yamaha RD 350 bildete ein ausreichend abgesteifter Doppelschleifenrahmen mit einer in Kunststoff gelagerten Zweiarmschwinge das Fahrwerk. Die Telegabel mit 120 mm Federweg und die hinteren Federbeine mit dreifacher Federbasisverstellung waren hydraulisch gedämpft.

Die 18-Zoll-Räder der Yamaha R5 wurden übernommen, zu der unveränderten Trommelbremse im Hinterrad gesellte sich jetzt jedoch eine Scheibenbremse vorn. Damit handelte es sich um das gleiche Chassis wie bei der baugleichen RD 250. Während es sich bei der kleineren Maschine als völlig ausreichend erwies und hervorragend zu der Kombination aus Antrieb und Bremsen passte, kam das Chassis hier mit der höheren Leistung allerdings bisweilen an seine Grenzen.

Abhilfe bei den allgemein kritisierten Original-Dämpfern schaffte eine Umrüstung auf Koni-Federbeine. Weitere stabilisierende Maßnahmen bieten ein Lenkungsdämpfer sowie Kegelrollenlager im Steuerkopf. In Verbindung mit modernen Reifen, wie z.B. Metzeler ME 33 und 77 verbesserten sich Haftung und Handling der Yamaha RD deutlich. Berüchtigt waren die Originalreifen von Yokohama wegen ihrer allgemein für schlecht befundenen Regentauglichkeit. Aber auch die seinerzeit schon deutlich besseren Alternativen von Metzeler und Continental hatten – verglichen mit heute – harte Gummimischungen und verhinderten ein vertrauensvolles Abwinkeln und Schräglagen, die wir heutzutage voraussetzen. Bei der schmalen Reifendimension benötigt man diese aber auch wiederum nicht, um Kurven in hoher Geschwindigkeit zu nehmen.

Natürlich wurde auch bei diesem Oldtimer die mangelnde Bodenfreiheit bemängelt. Bei forscher Kurvenhatz küssten die Fußrasten, deren Bügel unter den Auspufftöpfen verliefen, gerne mal den Asphalt. Yamaha reagierte erst 1978 bei der RD 400 auf die Kritik und entschärfte mit veränderten Teilen das Sicherheitsrisiko.

Entwicklung und Modellpflege der RD 350

Die Entwicklung und Verfeinerung der Yamaha RD verläuft parallel zur gesamten RD-Serie, ist aber – formal betrachtet – durch den Wechsel zur RD 400 untypisch kurz.

  • 1970 modifizierte Yamaha die 1967 eingeführte YR1 350 zur Yamaha R5, dem direkten Vorgängermodell der RD350. Das Bike wies neben einigen neuen technischen Merkmalen, wie z.B. einem horizontal geteilten Motorgehäuse und Zylindern mit fünf Spülkanälen, auch bereits große optische Ähnlichkeit mit der RD 350 (Baureihe 351) auf, die das Werk 1973 präsentierte.
  • 1973: Einführung der Yamaha RD 350 parallel zur kleinen RD 250.
  • 1975 bekam das Modell die Bezeichnung RD 350 B (Baureihe 521), Vergaserdüsen und Luftfilterkasten wurden überarbeitet.
  • 1976: Umbenennung in Yamaha RD 400 C mit der Baureihe 1A3. Diese Baureihe stattete man auf dem deutschen Markt mit einem eckigeren Tank („Sargtank“) und grauen Leichtmetallgussfelgen aus. Die Bremsanlage auf Scheibenbremsen vorn und hinten mit jeweils 2-Kolben-Festsattelbremszangen aufgerüstet.
  • 1977 erhielt auch die Baureihe 1A3 einen „Bürzel“ hinter der Sitzbank, die offizielle interne Bezeichnung war jetzt 1A3-11.
  • 1978: Die Yamaha RD 400 E (Baureihe 2R9) erhielt einen neuen Rahmen mit mehr Bodenfreiheit, eine moderne kontaktlose CDI-Zündung, sowie eine stärkere Telegabel. Schwimmsattelbremszangen mit Einzelkolben ersetzten die 2-Kolben-Festsattelbremszangen an den Scheibenbremsen.
  • 1979/1980 kam die letzte Serie RD 400G „Daytona“ heraus. Sie war vom gesamten Design her ein Zwitter von RD und späterer LC-Baureihe.
  • 1980: Die wassergekühlten Zweitakter („LC“ für „liquid cooled“…) ersetzten die luftgekühlten RD’s. Sie gab es in drei Versionen: RD 350 LC (Typ 4L0) mit 350 ccm und RD 250 LC (Typ 4L1) mit 250 ccm bzw. Typ 4L2 mit 27 PS.

RD 350 – Tipps zum Gebrauchtkauf und Preisspiegel

Da die Yamaha RD 350 und RD 400 seinerzeit – anders als ihre kleine Schwester RD 250 – nur in geringen Stückzahlen verkauft wurde, ist das Gebrauchtangebot heute bescheiden. Ganze 680 Exemplare führt das KBA in seiner Zulassungsstatistik. Die stattliche Leistung und das knappe Angebot macht sie heute zum Liebhaber-Objekt bei Sammlern. 3.200 bis 3.500 Euro werden laut Classic-Data für Top-Exemplare fällig, was ungefähr den auf der Straße gezahlten Preisen entspricht.

Trotz der robusten Konstruktion und der hohen Fertigungsqualität sollten gebrauchte RD350 und 400 genauer unter die Lupe genommen werden. Laufleistung, Einsatzgebiet und Fahrweise der Vorbesitzer entscheiden über hopp oder top dieses Oldtimers. Das exzellente Leistungsgewicht der Maschine veranlasste nicht wenige das Motorrad am Limit zu bewegen.
Insbesondere sollte auf „individuelle Bastelarbeiten“, Schleifspuren an Fußrasten und Auspuff sowie mögliche Sturzschäden geachtet werden. Nicht selten haben auch von „Bastlern“ durchgeführte „Reparaturen“ mehr Schäden als Nutzen an der 350ern hinterlassen.

Martin Kieltsch hält unter http://home.arcor.de/martin.kieltsch/ Tipps bzgl. Wartung und typischen Schwachstellen der RD350 parat. So sollte eine Motorrevision mit Übermaßkolben und Zylinder-Honen nach 25.000 bis 35.000 Kilometer nicht überraschen. An der Kurbelwelle trifft es bei hohen Laufleistungen vor allem das rechte Hauptlager und die Simmerringe. Übermäßiger Auspuffqualm und rumpelnde Geräusche sind klare Indizien für einen anstehenden Austausch. Das Getriebe gilt weitestgehend als extrem langlebig. Nur Dichtringe quittieren gerne ihren Dienst. Weiterhin nerven defekte Lichtmaschinen, die es im Austausch gibt, und ausgeschlagene Kerzenstecker.

Die Beschaffung von Ersatzteilen ist problematisch. Mit über 47 Jahren Erfahrung hält die Firma „Speed and Sport Inc.“ in den USA mehr als 15 Millionen Neu- und Gebrauchtteile auf Lager. Aber auch „CMSNL“ aus Holland und Horst Meise aus Itzehoe (www.yamahaklassikerteile.de) bieten ein umfangreiches Teilesortiment für diesen Oldtimer .

Yamaha RD 350 / RD 400 – technische Daten

  R 5RD 350RD 350RD 400
1. Fakten
Produktionszeit1970 bis 19721973 bis 197419751976 bis 1979
Nummerierung (Rahmen)
FarbenMandarin Orange/White, Metallic Purple/White, mandarin Orange/Black1973: Brandy Red, Comepetition Green
1974: Ruby Red, Gold Dust
Regal Blue, Silver Dust
Marine Blue, Brlliant Red, Low Gloss Black, Modena Red, Crystal Silver, Comeptition Yellow, Candy Blue, Macho Maroon, Clean White, Marin Blue
Neupreis3.498 DM3.810 DM3.810 DM4.500 DM
2. Motordaten
Motortyp2-Zylinder, 2-Takt2-Zylinder, 2-Takt2-Zylinder, 2-Takt2-Zylinder, 2-Takt
VentilsteuerungSchlitzsteuerung,
5 Kanäle
Membran-/Schlitzgesteuert,
7 Kanäle
Membran-/Schlitzgesteuert,
7 Kanäle
Membran-/Schlitzgesteuert,
7 Kanäle
Nockenwellekeinekeinekeinekeine
Hubraum347 ccm347 ccm347 ccm398 ccm
Bohrung64 mm64 mm64 mm64 mm
Hub54 mm54 mm54 mm62 mm
Verdichtungsverhältnis6,9:16,6:16,6:18,5:1
Vergaser2 Mikuni-Rundschiebervergaser (VM 28 SC) mit je 28 mm2 Mikuni-Rundschiebervergaser (VM 28 SC) mit je 28 mm2 Mikuni-Rundschiebervergaser (VM 28 SC) mit je 28 mm2 Mikuni-Rundschiebervergaser (VM 28 SC) mit je 28 mm
3. Leistungsdaten
Leistung36 PS39 PS39 PS43 PS
bei Drehzahl7.000 U/min7.500 U/min7.500 U/min7.200 U/min
Drehmoment38 Nm37,5 Nm37,5 Nm43,3 Nm
bei Drehzahl6.500 U/min7.000 U/min7.000 U/min6.800 U/min
Leistungsgewicht3,9 Kg/PS3,7 Kg/PS3,7 Kg/PS3,7 Kg/PS
Höchstgeschwindigkeit165 km/h160 km/h160 km/h167 km/h
4. Abmessungen
Länge2.040 mm2.040 mm2.040 mm2.100 U/min
Radstand1.320 mm1.320 mm1.320 mm1.330 mm
Leergewicht141 Kg146 Kg146 Kg158 Kg
5. Bremse
Bremse vornDuplex 180 mm1 Scheibe 220 mm1 Scheibe 220 mm1 Scheibe 260 mm
Bremse hintenSimplex 180 mmSimplex 180 mmSimplex 180 mm1 Scheibe 260 mm
6. Antrieb
Getriebe5-Gang Fußschaltung6-Gang Fußschaltung6-Gang Fußschaltung6-Gang Fußschaltung
AntriebKetteKetteKetteKette
StarterPrimär-KickstarterPrimär-KickstarterPrimär-KickstarterPrimär-Kickstarter

Bewertung

  • Design 10
  • Motorleistung 9
  • Kultfaktor 9
  • Seltenheit 6
  • Wertsteigerung 5
  • User Ratings (3 Votes) 8
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Summary

Die Yamaha RD 350 stand für Motorradfahren am Limit - wer es wollte.

7.8 Score

Discussion3 Kommentare

  1. Pingback: Yamaha XS 1 / XS 2 (1969 bis 1973)

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