SUZUKI LS 650 Savage – Die schöne kleine Wilde

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Anfang der 80er Jahre gab es das japanische Standard-Rezept für ein Chopper- oder Cruiser-Modell: man nehme ein sich gut verkaufendes Straßenbike (tausendfach bewährt), und baue neben einem kleinen Tropfentank, einer Stufensitzbank, einem hohen Buckhornlenker sowie kurzen Auspuff-„Tüten“ noch jede Menge Chrom-Zierrat und natürlich ein kleines, knubbeliges Hinterrad an. Fertig war der Japan-Chopper. Auswüchse waren die jeweiligen Spitzenmodelle mit bärenstarken Vierzylinder-Vierventil-Sportmotoren, die so gar nicht zum Fahrprofil und zur Charakteristik eines Choppers passten, aber in der Top-Speed weit über 200 km/h lagen.

Japan goes Milwaukee

Suzuki aus Hamamatsu stellte 1986 eine ganze Modellreihe von fast authentischen Cruiser- bzw. Chopper-Motorrädern auf die bildhübschen chromglänzenden Speichenräder. Die Palette reichte dabei von längsliegenden 2-Zylinder-V-Twins (Suzuki VS 750 GL INTRUDER, VS 1400 GL INTRUDER) bis hin zu wie aus dem Vollen geschnitzten Einzylinder-Dampfhammer – eben jener der Suzuki LS 650 SAVAGE. Allen gemeinsam war die klassische amerikanische Cruiser-Linie, die diesmal in Kopie den Designern hervorragend gelang.

Die damals 7.590,- DM teure hübsche Wilde („SAVAGE“) wurde befeuert von einem schön gezeichneten, 8,5 :1 verdichteten Einzylinder-Viertakt-Vierventilmotor mit einer obenliegenden Nockenwelle und 652 ccm Hubraum bei einem quadratischen Bohrung-Hub-Verhältnis von 94 mm x 94 mm, der seinen Ursprung bei den Enduro-Modellreihen SUZUKI DR 600 S / DR 650 S hatte und sich dort als „Dampfhammer“ mit bäriger Kraft aus niedrigen Drehzahlen bewährt hatte. International leistete der Eintopf 33 PS bei 3.400 U/min, für Deutschlands Versicherungseinstufung blieben 27 PS bei 3.200 U/min mit einem maximalen Drehmoment von 45,8 Nm bei frühen 3.000 U/min übrig.

Suzuki LS 650
Der Suzuki LS 650 reicht ein großvolumiger Eintopf (Foto: Dieter (LS-Man))

Gekühlt wurde der fein verrippte „Recke“ durch den Fahrtwind, das Gemisch bereitete ein 40 mm Mikuni-Vergaser auf. Bis 1991 ging die Kraftübertragung über ein 4-Gang-Getriebe (danach bis Produktionsende 5 Gänge) via verschleißarmen Zahnriemen ans Hinterrad, ganz nach amerikanischem Vorbild. Offen erreichte die wunderschön gezeichnete Suzuki LS 650 SAVAGE eine Höchstgeschwindigkeit von knapp 145 km/h, die Drosselversion immerhin noch knapp 140 km/h, aber die Top-Speed-Werte interessierten die Fahrer und Fans eh nur am Rande. Wichtig waren der bärige Durchzug aus niedrigen Drehzahlen und die dadurch ermöglichte schaltfaule Fahrweise sowie der angenehm blubbernde Sound, der dem kurzen „Kanonenrohr“ entwich, wenn der Starterknopf des E-Starters betätigt wurde. Der schöne Tropfentank beherbergte 10,5 Liter Treibstoff, 2,4 Liter Motoröl waren auch noch an Bord.

Der Durchschnittsverbrauch lag bei 5,5 Litern Benzin auf 100 km, nach ungefähr 190 km Fahrtstrecke war Tank- und Zigarettenpause angesagt.

Rahmen und Fahrwerk der LS 650

Der Rahmen bestand aus einer Stahl-Einrohrrahmen-Konstruktion mit vor dem Motor gegabelten Unterzügen, welcher durch die gebotenen Fahrleistungen nie an seine Grenzen kam. Durch den niedrigen Rahmen und der herabgezogenen Sitzbankaufnahme wurde eine sehr niedrige Sitzhöhe von ca. 660 mm erreicht, so dass auch kurzbeinige Fahrer und Fahrerinnen bei Stopps nicht ins Straucheln kamen. Hier wurde der „Low Rider“ gelebt…

Vorne führte eine ölgedämpfte 38 mm Telegabel mit 140 mm Arbeitsweg das große 19 Zoll Vorderrad mit dem 100/90-19 Reifen, an der konventionellen Hinterradschwinge arbeiteten zwei chromglänzende Kayaba-Stoßdämpfer mit 80 mm Federweg und bemühten sich um Fahrkomfort am 15 Zoll messenden Hinterrad, das mit einem knubbeligeren 140/80-15 reifen besohlt war. Der Radstand betrug lange 1.480 mm, die Höhe über alles lag bei 1.065 mm. Gebremst wurde die vollgetankt 179 kg schwere Fuhre vorne mit einer 240 mm großen Scheibenbremse mit Einkolben-Festsattel, hinten hielt eine gestängebetätigte 160 mm Trommelbremse die Pferde im Zaum.

Suzukis Wilde Farben

Suzuki spendierte der LS 650 SAVAGE stets ein einfarbiges Lackkleid, welches die vielen Chromaccessiores wie die Sissy Bar oder die Auspuffanlage, die beiden Chrom-Speichen-Räder und die Stoßdämpfer sowie die  Chrom-Applikation an den Seitendeckeln so richtig zur Geltung brachten. Die am häufigsten georderten Grundfarben waren Candy Academy Maroon, Pearl Novelty Black, American Eagle Red und Bright Silver Metallic sowie Prussian Blue Metallic. Speziell die dunklen und gedeckten Metallic-Farben erhöhten so den Kontrast zum blank-blitzenden Chrom.

Schwachstellen der Suzuki LS 650 Savage

Die Suzuki LS 650 SAVAGE  hatte gleich mehrere Bastelecken: zum einen der relativ primitive und zu schwache Kettenspanner der Steuerkette, der erst im Laufe der langjährigen Produktionsdauer der Maschine verbessert wurde. Dann neigte die Nockenwelle aufgrund von Härtungsfehlern und Lunkerstellen gerne zur Pitting-Bildung, hierbei kommt es auf der Kontaktfläche zum Schlepphebel zu Materialausbrüchen.

Suzuki LS 650
Wartungsarmer Zahnriemenantrieb des Hinterrads (Foto: Dieter (LS-Man))

Defekte am Anlasser-Freilauf sind jetzt nicht ausschließlich ein spezielles LS 650 SAVAGE – Phänomen, traten aber dann und wann auch bei dieser Maschine auf und schließlich sollte der ansonsten sehr wartungsarme Zahnriemenantrieb des Hinterrads im Bereich der vorderen Riemenscheibe auf Verschleiß/zu großes Sitzspiel auf der Ausgangswelle genau beobachtet werden. Konstruktiv wurden die direkt an der Schwinge verschraubten Soziusrasten und die im Zweimann-Betrieb müde Bremsanlage häufig kritisiert.

Marktsituation

In der Flensburger KBA-Datei sind aktuell noch ca. 7.300 angemeldete Exemplare der Suzuki LS 650 SAVAGE  aller Baujahre ausgewiesen und Preise liegen zwischen 700,- für „ab- gerockte“ LS 650-Low-Rider und 2.400,- € für gepflegte Exemplare der SAVAGE im Originalzustand mit unterdurchschnittlichen Laufleistungen. Sicherlich ist die LS 650 ein hübsches Exemplar der ernsthaften japanischen Versuche Mitte/Ende der 80er Jahre, Chopper- und Cruiser-Flair zu vertretbaren Neupreisen in Deutschland zu verbreiten, aber wegen der hohen Stückzahlen und der langen Produktionsdauer noch kein Sammelobjekt. Wer allerdings mit der „schönen Wilden“ liebäugelt, sollte sich schon nach einem gut gewarteten und originalen Exemplar umschauen und abwarten. Auf jeden Fall ist der kleine Low Rider ein Liebling der Brat- und Bobber-Umbauszene.

Suzuki LS 650 Café Racer by Albert Weishäupl
LS 650 Café Racer von Albert Weishäupl (Quelle: Fotowerkstatt-Gassler)
LS 650
Einmalig: Suzuki LS 650 mit 3D Furnier bezogen (Quelle: Nippon-Classic.de)

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